home
zur Übersicht ↑ Deutschland

Tarifkonflikt ohne Ende

25. Juni 2026 | Am Donnerstag legen Beschäftigte der Kaufland-Filiale im Konstanzer Industriegebiet erneut die Arbeit nieder – um zu verhindern, dass ihr Reallohn weiter sinkt. Wie stehen die Kolleg:innen das durch? Antworten von Lars Hofmann.

Einen Warnstreik im eigenen Haus organisieren, Streikposten stehen, einen Infostand auf dem Bodanplatz aufbauen, Demo in Freiburg, Kundgebung in Stuttgart – ist der Kampf für höhere Löhne eigentlich sehr anstrengend?

Lars Hofmann: Ja, natürlich ist das anstrengend. Einen Warnstreik im eigenen Haus zu organisieren, Streikposten zu stehen, Kolleginnen und Kollegen anzusprechen, Infostände zu machen, nach Freiburg oder Stuttgart zu fahren – das kostet Zeit, Kraft und Nerven. Aber noch anstrengender ist es, jeden Tag mit zu wenig Personal den Laden am Laufen zu halten und am Monatsende trotzdem rechnen zu müssen. Deshalb machen wir das. Nicht, weil es bequem ist, sondern weil es notwendig ist. Denn eines ist klar: Ohne Druck bewegt sich nichts. Und ohne Streik gibt es keine Lohnerhöhung.

Ist so ein Ausstand kräftezehrender als die Lohnarbeit mit ihren Sonderschichten, Samstagseinsätzen, Überstunden?

Lars Hofmann: Ja, klar ist das anstrengend. Aber es ist eine andere Art von Anstrengung als im Arbeitsalltag. Sonderschichten, Samstagseinsätze, Überstunden und Einspringen sind Belastungen, die oft einfach auf dem Rücken der Beschäftigten abgeladen werden. Der Arbeitskampf ist auch stressig, aber für mich ist das eher positiver Stress. Weil ich merke: Da bewegt sich etwas. Kolleg:innen kommen zusammen, reden miteinander, stehen füreinander ein und machen Druck. Und genau deshalb bin ich mit Herzblut dabei. Nicht, weil es bequem ist, sondern weil ich will, dass sich etwas verändert: bessere Löhne, mehr Respekt und Arbeitsbedingungen, die nicht auf Verschleiß laufen.

Du hast in deinen vielen Reden, darunter auch am 1. Mai, die Forderung der Handelsbeschäftigten bekräftigt: 300 Euro mehr für alle. Wie kam es zu der Forderung?

Lars Hofmann: Das kann ich leider nicht genau beantworten, ich bin erst seit kurzem Mitglied der Tarifkommission. Aber es ist nicht unbedingt eine starke Forderung, vor allem wenn man bedenkt, dass sich die Gewerkschaft – wie bisher üblich – am Ende mit weniger zufrieden geben wird.

Das reicht also nicht?

Lars Hofmann: Angesichts der Weltlage, in der wir uns gerade befinden, können auch 300 Euro schnell mal fast nichts mehr sein. Derzeit steigt EU-weit die Inflation weiter an. Außerdem muss man sich vor Augen halten, wie wenig wir im Einzelhandel verdienen. Eine ausgebildete Fachkraft bekommt – je nach Zulagen – im Durchschnitt vielleicht 2000 Euro netto. Das muss man nur mal mit den rasant steigenden Mieten vergleichen.

Andere Landesbezirke haben eine Prozentualforderung vorgelegt: Sieben Prozent mehr, mindestens aber 225 Euro. Das ergibt möglicherweise noch weniger …

Lars Hofmann: Auch die 300 Euro sind kein Betrag, über den man sich so hart streiten müsste. Denn was bleibt am Ende übrig? Einerseits hängt es davon ab, in welcher Steuerklasse sich die Kolleg:innen befinden, das macht einen großen Unterschied; dann kommt es darauf an, wie lange der kommende Tarifvertrag gültig ist; und schließlich nehmen die steigenden Preise vieles wieder weg. Die Energiepreise sind in die Höhe geschnellt, auch die Lebensmittel werden ständig teurer. Vor ein paar Jahren hat ein zweieinhalb-Kilo-Sack Kartoffeln noch 1,99 Euro gekostet, heute gelten 3,49 Euro als Sonderangebot …

Offiziellen Statistiken zufolge ist der Reallohn in den letzten Jahren gesunken. Stimmt da noch die auf einen Ausgleich zwischen Unternehmen und Lohnabhängigen bedachte Gewerkschaftsstrategie?

Lars Hofmann: Für mich nicht. Die Gewerkschaften müssten einen härteren Gang einlegen. Die alte sozialpartnerschaftliche Herangehensweise geht schlussendlich auf Kosten der Beschäftigten. Wir wissen doch schon seit langem, dass die Reichen härter angepackt werden müssten – Stichwort «Tax the Rich». Aber das tut ja niemand. Schau dir die aktuelle Politik an: Einsparungen im Gesundheitswesen, Drohungen in Richtung Rente, jetzt kommen auch schon die Studis dran … Und immer heißt es, man dürfe die, die viel haben, nicht zu sehr unter Druck setzen.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass bei höheren Tariflöhnen noch mehr Handelsunternehmen die Tarifbindung aufgeben? Wie viele zahlen denn in der Region nach Tarif?

Lars Hofmann: Es sind leider nicht mehr viele. Kaufland gehört noch dazu, Zara, ebenso Karstadt-Galeria, die noch einen Betriebsrat haben und einen Haustarifvertrag aufgrund der prekären Geschäftslage. Auch die Filialen von Penny müssten noch tariflich abgesichert sein – und eventuell Rewe, wobei der Rewe-Markt am Gottmannplatz inzwischen von einem eigenständigen Franchise-Unternehmer betrieben wird. Dort hat übrigens meine Mutter lange Zeit gearbeitet, die vier Jahrzehnte lang Gewerkschaftsmitglied war.

In der Kaufland-Filiale im Konstanzer Industriegebiet bist du ja Betriebsratsvorsitzender …

Lars Hofmann:… der aber, so sieht es das Betriebsverfassungsgesetz vor, als solcher nicht in Tarifkonflikten aktiv werden darf …

… und gewerkschaftlich aktives Belegschaftsmitglied. Ein Viertel eurer Belegschaft ist Mitglied von ver.di und ein guter Teil davon stand beim Streik Mitte Mai vor der Tür. Wie aber sieht es mit den Beschäftigten der Filiale am Zähringerplatz aus?

Lars Hofmann: Schwierig. Um sie hat sich unser früherer ver.di-Sekretär Markus Klemt jahrelang bemüht, vergebens. Das liegt zum Teil auch an der geschäftsleitungsnahen Vertretung der Belegschaft; dort wird sogar der stellvertretende Hausleiter in den Betriebsrat gewählt. Aber immerhin: Während der letzten Tarifrunde hat sich eine Handvoll der dortigen Kolleg:innen am Streik beteiligt.

Ihr hingegen wart beim Streik vor drei Jahren ziemlich engagiert.

Lars Hofmann: Ja. Wir haben in der Tarifrunde 2023 lange gekämpft. Wir haben, glaube ich, den ganzen November durchgestreikt, dann im Dezember nochmal drei Wochen, und waren an Weihnachten auch nicht da.

Und das blieb ohne Folgen für euch?

Lars Hofmann: Als wir wieder zu Arbeit zurückkamen, ist nichts passiert. Es geschieht dir also nichts, wenn du die Arbeit niederlegst!

Druck kam damals eher von der anderen Seite …

Lars Hofmann: Ja. Wir hatten keinen neuen Tarifvertrag, mussten uns also ins Zeug legen – und wer grätscht dazwischen? Silke Zimmer, im ver.di-Bundesvorstand zuständig für den Handel, wollte uns in der Vorweihnachtszeit zurück an die Arbeit schicken. Damit waren wir jedoch nicht einverstanden. Hey, sagten wir, jetzt haben wir wochenlang damit gedroht, dass wir an Weihnachten vor der Tür stehen – und dann sollen wir doch arbeiten? Das geht nicht. Wir verlieren ja unser Gesicht! Also hat jeder und jede von uns ihr eine Protestmail geschickt und auch dem Bezirksgeschäftsführer eine zukommen lassen. Im Frühjahr 2024 kam es dann zu einem akzeptablen Abschluss. Dabei hatte das Unternehmen während der langen Auseinandersetzung Streikbrecher organisiert, die aus Filialen am Rand vom Schwarzwald mit dem Versprechen auf erhebliche Zulagen angereist kamen und hier gearbeitet haben …

Aber jetzt hat sich Silke Zimmer für die Forderungen der Beschäftigten stark gemacht. Der Handel stehe «hervorragend da», sagte sie. Mit anderen Worten: Die Unternehmen können sich die Lohnforderungen leisten. Ist das so?

Lars Hofmann: Es gibt Handelskonzerne, deren Eigentümer allein in der Corona-Zeit, als wir unter enormem Druck standen, viel reicher geworden sind. Dieter Schwarz zum Beispiel, Eigentümer von Lidl und Kaufland, hat in dieser Zeit 12 Milliarden Euro dazuverdient. Vor allem die großen Unternehmen machen immer noch Profite, aber ich weiß nicht, ob der Handel insgesamt so gut dasteht. Bei uns jedenfalls gibt es viel zu wenig Personal.

Wie das?

Lars Hofmann: Nun, der Krankenstand ist sehr hoch. Außerdem haben viele Mitarbeiter:innen gekündigt und wurden nie ersetzt.

Wo gehen die hin?

Lars Hofmann: In andere Berufe. Sie haben irgendwann die Schnauze voll, berechtigterweise, und gehen woanders hin. Das kann man ja auch gut verstehen, wenn die Beschäftigten immer weniger verdienen. Wir waren hier mal viel mehr Leute. Jetzt klaffen in den Regalen jede Menge Lücken, weil die Kolleg:innen, die sie auffüllten, nicht mehr da sind. Die Menschen werden verheizt. Wir fangen in der Früh um 4 Uhr morgens bei Obst und Gemüse an, und wenn nicht genügend Personal da ist, haben die ersten schon keinen Bock mehr. Dann wird Druck aufgesetzt: Um so und so viel Uhr muss aber fertig sein! Darauf aber haben die Leute keine Lust.

Werden keine neuen Arbeitskräfte eingestellt?

Lars Hofmann: Doch, es hängen Ausschreibungen aus, dass für diesen oder jenen Bereich jemand gesucht wird. Aber halt meistens nur auf Teilzeit.

Und das ist schlecht?

Lars Hofmann: Mit einem Teilzeit-Lohn kannst du dir kein Leben leisten. Wenn du eine Familie mit Kindern hast, kommst du mit Teilzeit nicht über die Runden. Das geht nur, wenn der Partner, die Partnerin ebenfalls arbeitet. Oder du suchst dir noch einen Minijob nebenher. Wer nur Teilzeitstellen anbietet, findet keine Leute. Es gibt viele Kolleg:innen, die gern aufstocken würden, aber es wird kaum Vollzeit angeboten. Dass so viele Menschen Teilzeit arbeiten, hat nichts mit Lifestyle zu tun, sondern mit der Realität – da kann der Bundeskanzler noch so über uns herziehen. In Konstanz gibt es übrigens kaum einen Handelsbetrieb, der noch Vollzeitstellen ausschreibt.

Warum wehren sich dann nicht mehr Beschäftigte, treten der Gewerkschaft bei und legen auch mal die Arbeit nieder?

Lars Hofmann: Da gibt es viele Gründe. Bei manchen habe ich das Gefühl, dass sie mit dem Unternehmen verheiratet sind. Aber die Frage kann ich abschließend nicht beantworten. Viele haben auch einfach Angst, obwohl ihnen bei Lohnkonflikten nichts passiert. Dazu kommt, dass untereinander die Loyalität groß ist; da heißt es bei Streiks mitunter: Das kann ich den Kolleg:innen nicht antun, die Mehrarbeit will ich ihnen nicht zumuten. Damit hilfst du aber den Chefs und greifst dem Unternehmen unter die Arme. Es ist für viele nicht einfach, daraus auszuscheren und den Untertanengeist hinter sich zu lassen.

Aber es gibt ja auch andere, die – wie die letzte Tarifrunde zeigte – bereit sind, lange draußen zu stehen und trotz Streikgeld auf einen Teil ihres Einkommens zu verzichten.

Lars Hofmann: Ja, das ist gut. Sie sind dabei, auch wenn ihnen mitunter vorgeworfen wird, nur mal frei haben zu wollen. Bei der letzten Auseinandersetzung vor drei Jahren hat sich ein Kern herauskristallisiert, auf den man sich verlassen kann. Das sind Kolleg:innen, die nachfragen, die wissen wollen, was Sache ist und demnächst ansteht. Und die der Messenger-Gruppe, der sie beigetreten sind, treu bleiben. Da wurde ich schon vor längerem angesprochen: Wann geht's denn wieder los? Wann ist es soweit?

Hängt dann das Engagement von Belegschaften von Einzelpersonen ab?

Lars Hofmann: Meistens braucht es wirklich eine Person, die etwas tun will, vielleicht sogar ein Klassenbewusstsein hat, und auf die anderen zugeht. Das ist aber eine mühselige Arbeit. Und es funktioniert nicht von heute auf morgen, auch nicht innerhalb von ein paar Jährchen. Man sieht es ja auch bei uns, wenn man die Filiale hier mit der am Zähringerplatz vergleicht. Also wie lange der Markus Klemt am Zähringerplatz rumgemacht hat, wie viel Zeit er dort investierte – das ist schon verrückt. Es braucht immer jemanden, der bei Null anfängt.

Ist so eine Rolle riskant?

Lars Hofmann: Das kann ich nicht einschätzen. Ich habe jedenfalls keine Angst. Selbst wenn sie mich irgendwann mal auf irgendwelchen Wegen raushaben wollen, dann finde ich irgendwo sicher einen Job. Das wird vielleicht nicht einfach werden, wenn sich irgendwelche Personalchefs meine Vita ansehen und feststellen: 2025 Bundestagskandidat der Linken, 2026 Landtagskandidat der Linken. Das könnte ein Querulant sein, der bringt Unruhe in meinen Betrieb. Da dachte ich auch schon: Okay, das könnte vielleicht schwierig werden. Aber soll ich deswegen meine Meinung, meine Haltung ändern?

Zum Schluss eine ganz andere Frage. Ihr steht mitten im Tarifkonflikt, habt gestreikt, eine Kundgebung in der Stadt organisiert, seid nach Freiburg und Stuttgart zu Mahnwachen gefahren: Was erwartet ihr von Leuten, die euren Forderungen sympathisch gegenüberstehen? Was könnten die tun?

Lars Hofmann: Sie können uns, wenn in der Stadt oder Region eine Aktion oder Veranstaltung bekannt wird, mit ihrer Anwesenheit unterstützen, sich eine gelbe Gewerkschaftsweste überziehen, und sich ins Gruppenbild stellen. Das macht einen besseren Eindruck, als wenn da nur ein paar Dutzend Leute stehen – wir müssen ja die Öffentlichkeit gewinnen. Das gilt übrigens auch für alle anderen Proteste, der derzeit stattfinden oder geplant sind: Die Proteste zur Verteidigung des Achtstundentags, für den Erhalt der Pflegeeinrichtungen, gegen den Sozialabbau. Da kommt vieles auf uns zu, nicht nur auf die Beschäftigten im Einzel-und Großhandel.



Hingehen und unterstützen: Heute, Donnerstag, den 25. Juni, streiken erneut Belegschaftsmitglieder der Kaufland-Filiale im Konstanzer Industriegebiet, Carl-Benz-Straße. Beginn 9 Uhr. (pw)