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Streik der Spielcasino-Beschäftigten

Erstmals in 75 Jahren

1. Juni 2026 | Campus-Festival, Treffen des Ritterordens vom Heiligen Grab, Bodenseewoche der Segler:innen – am Wochenende war einiges los in Konstanz. Doch es gab noch mehr.

Auf den ersten Blick sah es aus, als hätten sich die Anwesenden zu einer Gartenparty am Bodenseeufer getroffen: So sassen auf Bierbänken, holten sich ab und zu ein Wasser oder eine Flasche Bier, aßen Brezeln, schwätzten miteinander und bliesen zwischendurch in eine Trillerpfeifer. Nur die Jacken und die Schilder zeigten, dass hier am Samstagnachmittag zwischen all den Tourist:innen auf der Seestraße etwas Besonderes im Gange war. Alle hatten sich die gelbe Weste der Gewerkschaft ver.di übergezogen, und auf den Plakaten standen Sprüche wie «Wer den Umsatz macht, verdient Respekt» oder «159 Millionen fürs Land, 0 Euro für die Mitarbeiter».

Ab 16 Uhr, ab Betriebsbeginn, hatten sich knapp vierzig Streikende am Uferweg vor dem von Security-Leuten gut bewachten Konstanzer Spielcasino niedergelassen. Dass sie hier einmal stehen oder sitzen würden, hätte vor kurzem niemand gedacht, sie selber auch nicht. Zum ersten Mal seit 75 Jahren hätten sie die Arbeit niedergelegt, sagten sie; erstmals in der Geschichte des seit 1951 bestehenden Casinos sei ihnen keine andere Wahl geblieben. Aber wenn ein Unternehmer einfach so «Tarifverträge kündigt», wie es ver.di-Landesfachbereichsleiter Christian Miska später formulieren sollte, «dann bettelt er um einen Warmstreik. Und wenn wir so lieb gebeten werden, dann müssen wir dem doch auch nachkommen, so höflich sind wir».

Die Einladung zum Streik war schon im September erfolgt, als die Baden-Württembergische Spielbanken GmbH & Co. KG den Beschäftigten der drei Casinos in Stuttgart, Baden-Baden und Konstanz alle Tarife kündigte – und zwar einfach so, «ohne vorher mal drüber zu reden, ohne zu sagen, wie denn die neuen Regelungen aussehen». Zu den gekündigten Vereinbarungen gehörten auch, so ver.di-Verhandlungsführer Frank Hawel, die über die betriebliche Gesundheitsförderung und der Altersvorsorgetarifvertrag.

Nicht einmal Mindestlohn

Im Februar habe es dann erste Gespräche zwischen ver.di und der Geschäftsführung der landeseigenen Spielbank gegeben, allerdings ohne konkretes Angebot von Seiten des Managements. «Wir haben ein Eckpfeilerpapier bekommen», berichtete Hawel, «in dem allerdings nicht viel Substanzielles drinstand». Erkennbar aber war die Richtung, in die das Unternehmen gehen will: «Länger arbeiten fürs gleiche Geld, flexible Einsetzbarkeit, Beschränkungen beim Tronc». Der Tronc, das Trinkgeld, macht einen erheblichen Teil des Einkommens der Casino-Beschäftigten aus. Ohne diesen Zuschuss, der unter allen Angestellten verteilt wird, erreicht das Gehalt bei vielen nicht einmal den Mindestlohn.

Die Umsetzung der EU-Bargeldrichtlinie im Sommer 2027, die Bargeldbeträge auf 10.000 Euro limitiert, dürfte aber einiges ändern: Die Spielbanken müssen ihre Zahlungsprozesse überarbeiten, digitale Systeme einbauen, Überwachungsmethoden verfeinern. Und niemand weiß, welche Auswirkungen es auf den Tronc hat, wenn nach Einsatzende die Chips nicht mehr in Geldscheine getauscht werden, die dann in Spendenkassen wandern können.

Trotz dieser Ungewissheit traf sich die gewerkschaftliche Tarifkommission zu Verhandlungen mit dem Management, um einen Kompromiss auszuhandeln – bis klar wurde, dass es 2026 überhaupt keinerlei Lohnerhöhung geben sollte. Und so beschlossen die Beschäftigten die Forderung nach 350 Euro mehr plus Lohnerhöhung um drei Prozent und einen Warnstreik an allen drei Standorten. Erst als diese Nachricht durchsickerte, kam in letzter Minute ein Angebot. «Ich habe es am Mittwochabend um 18:52 Uhr per E-Mail gekriegt», erinnert sich Frank Hawel. «Es sah monatliche Einmalzahlungen in Höhe von 100 Euro vor, befristet bis Ende 2026 und sollte nicht tabellenwirksam sein», also keine dauerhafte Lohnanhebung bewirken. «Ab Januar wären diese Einmalzahlungen wieder weg gewesen.»

Wochenendarbeit, Feiertagsarbeit, Nachtarbeit

Wer kommt auf die Idee, seinen Leute erst gar kein Angebot zu unterbreiten, und dann nur Peanuts zu reichen? Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Spielbanken GmbH & Co. KG ist Tobias Wald, langjähriger CDU-Landtagsabgeordneter des Wahlkreises Baden-Baden, der Ende 2023 – etwas umstritten – von der grün-schwarzen Landesregierung an die Spitze des staatlichen Unternehmens berufen wurde. Er jedenfalls ist einer, das erzählten Mitglieder des fröhlichen Streikpostens vor dem Casino, der die Beschäftigten nicht sonderlich ernst nehme.

Er mache im Umgang mit der Belegschaft einen eher desinteressierten Eindruck, spiele bei Verhandlungen mit den Angestellten gern mit dem Handy herum und kenne auch die Rechte kaum, die den Lohnabhängigen laut Betriebsverfassungsgesetz zustehen. An arbeitsrechtlicher Kompetenz könnte es auch im Aufsichtsrat mangeln: Dieser besteht ausschließlich aus Ministerialräten und -dirigent:innen verschiedener Landesministerien.

Nach zwei Stunden vor der Spielbank-Villa am Seeufer zogen die Casino-Streikenden (wie angekündigt) über die Seestraße, die alte Rheinbrücke und den Stadtgarten entlang zum Bahnhofsplatz. Und hielten dort, vor dem Automatenspiel-Casino, dem zweiten Arbeitsplatz der 120 Konstanzer Spielbank-Beschäftigten, eine Kundgebung ab. Immer wieder zwängten sich Spielwillige durch den Streikposten; es war der Gewerkschaft nicht gelungen, alle Beschäftigten zu mobilisieren, so dass der Betrieb an beiden Orten weitergehen konnte – auch wenn es überraschend viele Krankmeldungen gab. Die Stimmung beeinträchtigte dies jedoch nicht: «Wir wissen, dass Druck auf Einzelne ausgeübt wird», sagte Frank Hawel in seiner Rede am Bahnhofsplatz. «Wir wissen auch, dass es Kollegen mit befristeten Verträgen schwer haben und ihre Verträge möglicherweise nicht verlängert werden, wenn sie jetzt streiken.»

Man verstehe die Zurückhaltung. Auch die Streikenden hatten sich schließlich zurückgehalten. Der Ausstand sei ihnen aufgezwungen worden, sagte Daniel Pilger in einem kurzem Statement am Schluß der Kundgebung: «Das Angebot, das wir von der Geschäftsleitung bekommen haben, war einfach unterirdisch.» Er sei seit 35 Jahre dabei, verdiene 2450 Euro brutto plus Schichtzulage und Trinkgeld, das aber nächstes Jahr wegfalle – und das für eine Tätigkeit auch an den Wochenenden, an Feiertagen und bis in den frühen Morgen hinein. «Wer sorgt denn hier für den Umsatz?», fragte Pilger, der die Verhandlungen in Konstanz leitet, dem Betriebsrat angehört und in der Tarifkommission sitzt, die sich in dieser Woche wieder trifft.

Ein Staatsunternehmen, das seine Belegschaften so schikanös behandelt, hat Protest verdient. Das sahen die Casino-Kolleg:innen der anderen Standorte ebenso: Dort blieben am selben Tag in Stuttgart 50, in Baden-Baden 45 Beschäftigte vor der Tür. Und die Konstanzer Streikenden, die ja zum ersten Mal die Arbeit niederlegten: Würden sie nochmals aktiv werden? Wenn es sein muss, so der Tenor, «stehen wir bald wieder hier». (pw)