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Fußballfans gegen Rowdys, Polizei und Thatcher

«Die Hooligans befreien das Spiel»

18. November 1989 | Was tun gegen gewalttätige, rassistische, oft besoffene Fußballfans? Dazu müsse man erst einmal herausfinden, woher dieses Phänomen kommt, sagt der Liverpooler Wissenschaftler Rogan Taylor.

Englische Fußballmannschaften sind auf dem Kontinent nicht gern gesehen: Ihre Fans gelten als rauflustige und totschlägernde Trunkenbolde. Nach dem Europa-Cup-Finale 1985 im Brüsseler Heysel-Stadion (vor dem Spiel FC Liverpool gegen Juventus Turin kamen 39 italienische Zuschauer um) sperrte die UEFA alle englischen Clubs. Im Ursprungsland des Fußballs entstand vor fast fünf Jahren eine Organisation der Fußballfans, die gegen die Hooligans und die Fußballindustrie gleichermaßen antritt – und eine grundsätzliche Umorientierung fordert.

Frage: Die Football Supporters' Association wurde 1985 gegründet, nur wenige Monate nach Heysel. Zufall?

Rogan Taylor: Nein. Ich konnte damals nicht nach Heysel, weil ich kein Ticket bekam. Es war das einzige europäische Cup-Finale des FC Liverpool, für das ich kein Ticket erhielt. Ich war darüber ziemlich sauer, und beschloß, einen Artikel zu schreiben: die Fußball Supporters sollten sich organisieren, weil sie ausgenommen werden. Wenn eine Handvoll Fans von Juventus Turin und Liverpool dieses Match in einem Pub organisiert hätten, wäre auch nichts Schlimmeres herausgekommen. Ich begann also, über die Korruption in der UEFA nachzudenken, und darüber, wie diese mit den Ausschreitungen zusammenhängen mag ...

Was meinen Sie mit Korruption?

Taylor: Die UEFA ist korrupt. Wir Liverpudlians wissen das. Wir wurden im Halb-Finale 1965 ausgetrickst, weil man dem Schiedsrichter beim Rückspiel in Mailand 75.000 Pfund zusteckte, damit die Italiener im Wettbewerb bleiben. Und warum wurde 1985 im Heysel-Stadion gespielt? Warum ließ man das angeblich wichtigste Match der Saison in einem baufälligen Stadion mit 42.000 Plätzen ausgetragen? Beide Clubs haben zusammen 135.000 regelmäßige Fans. Warum in einem Land, dessen Polizei nicht weiß, wie man bei Fußballspielen vorgeht? Weil in der Region Brüssel 120.000 italienische Gastarbeiter leben! Jeder Club erhielt 13.000 Tickets, die übrigen gingen über den belgischen Fußballverband an italienische Fans. Das nenne ich Korruption; die UEFA hat nichts dagegen unternommen, und das läuft auf das gleiche hinaus.

Ein harter Vorwurf ...

Taylor: Eine harte Tatsache. Es ist doch interessant, daß der erste und damals ziemlich kleine Konflikt in der Saison nach dem Skandal von Mailand angezettelt wurde. Fünf Monate nach dem Match gegen Inter Mailand spielte Liverpool wieder in Italien [gegen Juventus Turin], und ein paar Leute dachten: denen werden wir es jetzt einmal zeigen. Das war die Antwort der Fans auf die Fäulnis an der Spitze.

Nach Heysel gründeten Sie die Football Supporters' Association.

Taylor: Nein, nicht ich. Ich wäre nie auf die Idee gekommen. Im Alter von acht Jahren war ich mal bei den «Outlaws», den «Gesetzlosen»; seither habe ich mich freiwillig keiner Organisation angeschlossen – ich halte nichts von der Beitreterei ...

Doch jetzt sind Sie Sprecher der FSA.

Taylor: Nun ja, ich schrieb meinen flammenden Appell, «Fans hebt eure Ärsche», und rief dann Peter Garrett an, ein Kumpel vom Stadion, der als Community Officer bei der Liverpooler Polizei arbeitet. Peter, frage ich ihn, wie hieß nochmal der Schiedsrichter von 1965? «Ortiz», kam der Name wie aus der Pistole geschossen. «Der lebt immer noch an der Costa del Sol, 75 Riesen hat er eingesteckt, irgendwann kriege ich den Bastard. Warum willst du das wissen?» Sagte ich: Ich rufe alle Fußball Supporters auf, die Spiele selber zu veranstalten. «Gute Idee», sagte er, «aber damit müssen wir anfangen, sonst tut's keiner.» Einige Tage später sassen dann Peter, zwei Everton-Fans, meine Frau und ich zusammen und verfaßten eine Satzung und ein Programm. Ziel war eine Demokratisierung des Spiels und Mitspracherecht für die Fans.

Wo denn?

Taylor: Auf allen Ebenen, von den Clubs bis zum internationalen Verband. Statt des Artikels schrieben wir einen Leserbrief, weil da die Zeitungen auch Namen und Adressen veröffentlichen. Am Dienstag schickten wir den Brief an den Guardian, am Donnerstagmorgen wurde er veröffentlicht, und am Donnerstagmittag rief die Nachrichtenredaktion von BBC 2 an. Sie würden gerade eine Gesprächsrunde zur neuen Fußball-Saison planen, jeder Experte und sein Hund seien eingeladen, ob wir nicht auch ein paar Mitglieder schicken könnten? Also fuhren sechzig Prozent unserer Mitgliedschaft, das heißt drei von uns nach London. Da merkten wir, daß die Medien, die soviel über Fußballfans berichten, keine kennen.

Gab es Resonanz?

Taylor: Nach der Sendung erhielten wir 400 Briefe, viele von Frauen, veranstalteten ein öffentliches Treffen in Liverpool und gründeten die Regionalgruppe Merseyside der Football Supporters' Association. Und so begann alles.

Eine Kombination aus Gewerkschaft und Verbraucherorganisation

Warum eine Regionalgruppe, warum keine cluborientierte Struktur?

Taylor: Die traditionellen Fan-Vereine kümmern sich nur um ihre Clubs und treffen sich nie. Dabei haben sie exakt die gleichen Probleme wie alle anderen auch. Das Desinteresse der Clubs, die schlechte Behandlung durch die Polizei, die immer teureren Eintrittspreise, die Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien. Als Millwall-, Chelsea-, Arsenal- oder Spurs-Fans sehen sie jedoch von ihrem Tellerrand aus nicht den nächsten.

Wie viele kommen zu den Treffen der Merseyside-Gruppe?

Taylor: Zwischen 80 und 200 Leute, jedenfalls mehr als die Konservativen in Liverpool zusammenbringen. Sollte einmal das Verhältniswahlrecht eingeführt werden, könnten wir das Zünglein an der Waage spielen ...

Was ist die FSA? Eine Bürgerinitiative, eine Fan-Vereinigung, eine Gegenorganisation zur ehrwürdigen National Federation of Football Supporters' Clubs ...

Taylor: Mit dieser viktorianischen Vereinigung clubhöriger Fans können wir nicht verglichen werden. Wir sind eine Kombination aus Gewerkschaft und Verbraucherorganisation. Fußball Supporters sind die aktivsten Konsumenten der westlichen Welt, und darunter haben sie zu leiden. Sie beweisen eine Markentreue, auf die jedes andere Unternehmen neidisch sein muss. Sie waten durch jede Scheiße und zahlen viel Geld, um am Samstagnachmittag auf zwei Fußbreit Pisse zu stehen. Keine andere Industrie hat eine solch geduldige Kundschaft, die den Firmen auch noch ihren Nachwuchs frei Haus liefert. Das muß aufhören.

Wie reagierten die Clubs auf die FSA, haben Sie Kontakt zu denen?

Taylor: Anfangs wollten die Clubs nichts von uns wissen; die Fußballwelt ist sehr konservativ, sehr traditionell. Die haben uns mit den Fingerspitzen angefaßt, ihnen gefiel es gar nicht, als korrupt bezeichnet werden. Die hielten uns für eine Dachorganisation der Militants [eine inzwischen aus der Labour Partei ausgeschlossene radikallinke Gruppierung, pw]). Aber wir brachten sie in Verlegenheit. Acht Monate nach unserer Gründung trugen Liverpool und Everton das Pokalfinale 1986 aus. Es gab jede Menge Klagen über die Organisation dieses Spieles, also stellten wir ein Dossier der Beschwerden zusammen und zogen unsere Schlussfolgerungen. Wie organisiert man ein Pokalfinale? Welche Aufgaben haben Polizei und Ordner? Wie leitet man den Verkehrsfluss? Wie sollten die Tickets zugeteilt werden? Wenn du unseren Bericht heute, nach der Katastrophe von Hillsborough, liest, friert es dich. Wir übergaben das Dossier der Football Association (FA), schickten Kopien an die Londoner Polizei und an das Verwaltungskomitee des Wembley-Stadions.

Und die Reaktion?

Taylor: Nach vier Monaten hatten wir noch nicht einmal eine Empfangsbestätigung bekommen. Also fragten wir nach, und erhielten schließlich einen denkwürdigen Brief vom damaligen FA-Vorsitzenden: Erzählt uns nichts von Fußballfans, wir wissen alles über sie, mein Bruder spielte 1932 im Pokalfinale ... Wir konnten's nicht fassen. So was von behämmert!

Später haben Sie auch ein Papier «Football Supporters gegen Hooliganism» vorgelegt. Wie sahen Ihre Vorschläge aus?

Taylor: In diesem Land wird nach dem Prinzip «all stick and no carrot» verfahren: Peitsche ohne Zuckerbrot. Das lehnen wir ab. Hier sitzt man auf den Problemen. Auf Trouble reagiert der Staat mit dem Knüppel, mehr Trouble wird mit noch mehr Polizei und Sicherheitsmaßnahmen beantwortet. Und am Ende steht Hillsborough: Den Bullen fällt nicht einmal mehr auf, wenn Leute sterben. Sie kümmern sich nicht mehr darum, weil sie die Menschen nicht schützen, sondern einpferchen sollen.

Daß nicht Hooligans, sondern die Hooligan-Hysterie der Polizei und die Anti-Hooligan-Zäune im Hillsborough-Stadion von Sheffield die Katastrophe verursachten, ist bekannt. Doch die Hooligans sind nun mal vorhanden. Gibt es eine Lösung für dieses Problems?

Taylor: Man muß das Positive verstärken, um das Negative auszuschalten. Man muß die Guten belohnen, um die Schlechten zu marginalisieren. Wenn alle schlecht behandelt werden, macht man auch die Nicht-Schlechten schlecht.

Die Schotten machen die Engländer lächerlich, indem sie sich benehmen

Wie soll das klappen?

Taylor: Ein Beispiel: Vor dem Spiel in Schweden sagte der Fußballverband: Wir haben keine Tickets mehr, das Spiel ist ausverkauft, niemand wird mehr zugelassen, die Fähregesellschaften verweigern den Transport. Und was geschah? 2000 Leute fuhren nach Schweden, die Fähregesellschaften transportierten, sie zahlten nur fünf Pfund Eintritt – weit weniger als sie auf dem normalen Wege hätten zahlen müssen – und dann kommt es zu Krawallen. Von den 2000 hätte man nur 200 im Auge behalten müssen: Neonazis, Rassisten, gewalttätige Kriminelle. Die anderen 1800 mußten jedoch denselben Weg nehmen und das gleiche illegale System benutzen, um an Tickets 'ranzukommen. So wurden beide Gruppen in einen Topf geworfen. Man kann die Schlechten nicht marginalisieren, wenn man den Guten keinen besseren Weg bietet. Das hält natürlich nicht die Verrückten zurück, aber die kann man sowieso nicht stoppen. Wir wollen deutlich machen: Dies sind die Fußballfans, und die anderen sind die Bescheuerten.

Kann man die Fans von den Bescheuerten trennen?

Taylor: Wir kennen die Loonies, die Verrückten. Wir kennen sie, und brauchen dazu keine Polizei, die sie festnimmt und anklagt. Wir erleben sie jedes Wochenende. Warum bieten wir den anderen keinen Weg und besorgen denen Tickets, Transport und Unterkunft? Man könnte ein von den Supporters verwaltetes Reisebüro gründen, das sämtliche Trips zu den Länderspielen auf dem Kontinent organisiert. Nur mit uns käme man über den Kanal – warum sollte das nicht klappen? Die Schotten können das doch auch. Gab's mal Probleme mit den Schotten? Fünfeinhalbtausend Hearts-Fans fuhren letztes Jahr nach München, die meisten waren Männer, die gerne trinken. Vier wurden festgenommen: drei wegen Ladendiebstahl, einer wegen Trunkenheit. Fünfeinhalbtausend Leute reisen dreitausend Meilen – und keine Probleme. Dabei gab es in den 70er Jahren in Schottland so viele Schwierigkeiten wie in England. Warum verhalten sich die Schotten jetzt so diszipliniert? Weil sie nicht wie die verdammten Engländer erscheinen wollen. Die können die Engländer lächerlich machen, indem sie sich benehmen. Wir hingegen müssen die Engländer überzeugen, sich nicht wie Engländer zu verhalten. Das ist nicht einfach, aber möglich. Doch der englische Verband sitzt da und sagt: Wir haben damit nichts damit zu tun, es ist nicht unsere Schuld.

«Die Engländer haben Angst vor allem Fremden»

Hooliganism ist auch ein soziales Problem, also nicht nur das Handlungsresultat irgendwelcher Verrückter.

Taylor: Natürlich ist es ein soziales Problem. Vor allem ist es ein englisches Problem.

Warum ein englisches Problem?

Taylor: Das reicht weit in die Geschichte zurück. Früher hat man uns immer von der rassischen Überlegenheit den Engländer erzählt und derweil junge Männer ins Ausland geschickt, die den Negern Anstand beibringen sollten, indem sie sie zusammenschlugen und umbrachten. Die Geringschätzung des Fremden und ein jederzeit hochschwappendes Nationalgefühl sitzen im Herzen des englischen Nationalcharakters. Vor hundert Jahren diente die Verachtung alles Fremden zur Rechtfertigung der imperialistischen Expansion. Dreihundert Jahre lang haben wir hier «Rule Britannia» gesungen. Jetzt grölen 16 junge Hooligans dasselbe Lied auf dem Stuttgarter Schloßplatz, und alle sind peinlich berührt. Dabei ist es die gleiche alte Geschichte. Die kulturelle Verarmung der Arbeiter und Englands Geschichte hängen zusammen und reichen weit über den Fußball hinaus.

Ganz so depriviert sind die Leute nicht.

Taylor: Die Manchester Fans lieben United und City, die Liverpooler verehren den FC und Everton, und die Jungs in Turin ihr Team. Aber denen sind drei oder vier andere Dinge genauso wichtig wie Juventus und Fußball. Hier hingegen konzentriert sich alles auf diese eine Sache. Die jungen Männer sind engstirnig, haben nie Erfahrungen machen können, da gibt es keine Spur von Weltoffenheit. Wenn sie reisen, exportieren sie ihre Subkultur.

Sie reden wie ein Oberstudienrat.

Taylor: Von wegen. Sehen Sie sich doch mal in den Stadien um. Die Hooligans sind zutiefst verängstigte junge Menschen aus dem Subproletariat, die noch an die englische Überlegenheit glauben. Im Ausland geben sie sich so stark wie möglich, um sich nicht eingestehen zu müssen, daß sie nichts von dem wissen, was außerhalb ihrer kleinen Hinterhöfe passiert. Aber nicht nur die Hooligans haben enge kulturelle Erfahrungen. Die Engländer sind die schlimmsten Reisenden, die ich je gesehen habe. Sie sind die lautesten, unhöflichsten, desinteressiertesten, isoliertesten Menschen, die man sich vorstellen kann: Sie haben Angst vor allem Fremden. Fußball ist ein sehr exakter Mikrokosmos, er spiegelt die negativsten Elemente der englischen Gesellschaft wieder. Da sieht man alles: den Rassismus, den Sexismus, die Anbetung der reinen Gewalt. Dies hier ist eine sehr aggressive kleine Nation. Deswegen war ja auch die halbe Weltkarte rot eingefärbt. Was tat dieses kleine Land denn früher? Es schickte Männer aus ...

Da sehe ich keinen großen Unterschied zu den westdeutschen oder holländischen Fußball-Supporters.

Taylor: Sicher. Diese Länder hatten auch ihre imperialistische Expansion, die Hooligans sind ebenfalls höchst aggressiv, rassistisch und haben diese neonazistische Subkultur. Aber sie exportieren ihre Probleme nicht. Bei der Europameisterschaft in Deutschland konnte man das genau sehen. Die spanischen, holländischen, dänischen, selbst irischen Fans kamen als Mamas, Papas, Kinder; alte Arbeiter waren dabei und natürlich viele junge Männer – eine bunte Mischung. Und die Engländer? Ich habe keine einzige Frau gesehen. Alles Männer aus der rauhen Arbeiterklasse, zwischen 16 und 23 Jahre alt – die verwundbarste Gruppe. Sie betrinken sich gern und reagieren am schnellsten auf Provokationen, die meistens von den deutschen Fans ausgingen. Das passiert immer: Wohin die Engländer auch gehen – die örtlichen Jungs sind schon da, sehen sich nach Skalps um, und machen die Engländer an, weil die ja die Liga der Hooligans anführen.

Wenn man die Liste der Opfer von Hillsborough betrachtet – das waren nicht nur junge Männer.

Taylor: Diese Leute reisen aber nicht ins Ausland. Liverpool ist ein Familienclub, seine Fans kommen aus dem ganzen Land und aus allen Klassen. Aber würdest du Frau und Kinder zu einem England-Spiel ins Ausland mitnehmen? Ohne dass dir vernünftige Reisemöglichkeiten und eine halbwegs anständige Unterbringung garantiert wird? Ohne einen Club, der sich um die wirklichen Supporters kümmert und sie vertritt? Es wäre ja schön, wenn wir alle mit einem T-Shirt rumliefen, auf dem steht: «Ich bin ein Fußball-Diplomat», statt «Ich bin ein Depp». Derzeit sind die Hooligans die einzigen, die einen Plan haben. Die anderen drehen nur die Daumen und hoffen, daß nicht zu viel passiert.

Vor zwanzig, dreißig Jahren hat man von Hooliganism nicht viel gehört. Liegt das an den Medien?

Taylor: Zweifellos. Während des Falkland-Krieges haben die Medien hier eine Stimmung entfacht wie im Zweiten Weltkrieg: Unsere Jungs da draußen! Haut die Neger! Kickt den Argies die Schieße aus dem Leib! Wenn die Boulevard-Presse die Hooligans sieht, erblickt sie ihr Spiegelbild. Beide haben das gleiche Wertesystem und nähren die sich gegenseitig. Die Medien haben in den letzten Jahren nur Benzin ins Feuer gekippt, aber das Feuer haben sie nicht angezündet, das war zuerst da.

Auch in England sind die Zuschauerzahlen zurückgegangen. Hat das was mit dem Hooliganism zu tun?

Taylor: Nein, es ist genau anders herum. Nach dem Krieg wurden jährlich 48 Millionen Tickets verkauft, 1962 waren es noch 23 Millionen. Damals gab es keinen Hooliganism. Für den Zuschauerschwund gibt es viele Gründe, der Hooliganism gehört nicht dazu. Im Gegenteil: sinkende Besucherzahlen führten dazu, daß sich die Rowdys breit machen konnten. Doch darüber hat noch kein Verantwortlicher nachgedacht.

Worüber denken die dann nach?

Taylor: Die wissen doch nicht einmal, wo die Probleme liegen. Sie setzen lieber mehr Polizei ein; das kann man immer tun, und das hat man in England immer getan. Die Engländer haben das Irrenhaus, das moderne Gefängnis und die Konzentrationslager erfunden. Hier lieben es die Politiker, Leute einzusperren; in Großbritannien sitzen mehr Leute ein als in jedem anderen westeuropäischen Land. Irgendwelche Probleme? Einsperren! Noch mehr Probleme? Noch mehr einsperren! Jetzt geht das nicht mehr. Die Weltmeisterschaft steht vor der Tür, und der Fußballverband zittert. Wenn jetzt nicht genau geplant wird, wie die 12.000, 15.000 englischen Supporters zu transportieren, wie alle vorhersehbaren Probleme zu lösen sind – dann werden in einem Jahr nicht nur die englischen Clubs, dann wird auch die Nationalmannschaft für internationale Begegnungen gesperrt. Wir haben die FA aufgefordert, ein WM-Komitee gründen, das die Ideen umsetzt, die wir haben. Wenn die sich weigern, stellen wir uns im Sommer vor die Fernsehkameras und sagen: Wir hatten jede Menge Vorschläge, aber niemand hat uns zugehört. Und wessen Schuld ist es? Ihre! Deswegen sind die verängstigt. So gesehen könnte man sagen: Die Hooligans befreien das Spiel. Der Druck, den sie auf die Regierung und die Fußballclubs ausüben, wird zu einer Demokratisierung des Fußballsports führen.

Sehen Sie dafür eine Chance?

Taylor: Aber sicher. Wenn die Clubs nicht die Masse des Publikums auf ihre Seite ziehen, werden sie die Schwierigkeiten nicht lösen können. Dann kann es sein, daß das Spiel im Lande seines Ursprungs verschwindet. Wie argumentieren denn die Clubs? Wenn die Geschäfte florieren, sagen sie: Belästigt uns nicht, dies ist ein privates Unternehmen. Wenn's nicht so gut läuft, heißt es: Kommt Jungs, greift tief in die Taschen, das ist euer Verein! Wessen Spiel ist das eigentlich?

Die Football Supporters' Association fordert auch eine Kommunalisierung des Fußballs.

Taylor: Wozu ist der Sport gut, wenn er nicht der Community dient? 85 der 92 Liga-Clubs machen kein Geld – was also ist der raison d'être, für wen gibt es die Clubs, wenn nicht für die Menschen in den Gemeinschaften? Wenn die Clubs jedoch für die Communities da sind, warum wird dann die Infrastruktur nur alle vierzehn Tage genutzt? Sie könnte doch auch an den übrigen Tagen zur Verfügung stehen. Nur so kann des Fußball überleben: Er muß von den Leuten gestaltet werden, denen er gehört. Wir Fans zahlen jedes Jahr 75 Millionen Pfund allein für die Ligaspiele; die Pokalspiele und alles andere nicht mitgerechnet. Das ist siebeneinhalb mal mehr, als die TV-Anstalten zahlen. Aber uns hat niemand gefragt, wann ein Spiel beginnen soll? Wenn niemand mehr ein Match besucht – was machen dann die Sponsoren und die TV-Anstalten?

Trotz Korruption, Katastrophen und die Selbstherrlichkeit der Clubs zieht es immer noch viele in die Stadien.

Taylor: Aber warum denn? Fußball ist ein Arbeitersport, der in den ehemaligen Industrieregionen Nordenglands entstand. Der Liga-Verband, die professionelle Vereinigung, hat seinen Sitz immer noch in Preston, Lancashire. Die eher aristokratische FA sitzt in London und veranstaltet den Pokal-Wettbewerb. Doch das Spiel hat seinen Ursprung in den urbanen Zentren der Industriellen Revolution, in einer Gesellschaft also, in der eine fünfeinhalb-Tage-Woche durchgesetzt werden konnte. Aber das erklärt nicht die Popularität der Fußballs im Jahre 1990.

Was dann?

Taylor: Das Geheimnis des Fußballs liegt offen da, aber nur wenige realisieren das: Was ist denn der Unterschied zwischen Fußball und allen anderen Ballspielen?

Die Hand darf nicht zum Ball.

Taylor: Diese Regel verlangt vom Spieler, seine ganzen Fähigkeiten auf den Körper zu übertragen. Fußball ist im Grunde eine schöne, athletische Kunst, die dem Ballett gleicht. Die prächtigen Bewegungen entstehen, weil die wichtigsten Körperteile zur Kontrolle eines Balles, die Hände, nicht mitspielen dürfen. Das macht Fußball so großartig: die Kunst des Körpers muß in die Füße gelegt werden. Freudianer könnten über diese Sublimierung jede Menge Bücher schreiben.

Stirbt die Kunst einen langsamen Tod?

Taylor: In den letzten drei Jahren sind die Zuschauerzahlen zum ersten Mal seit Kriegsende wieder gestiegen. Vielleicht haben wir ein absolutes Minimum erreicht, vielleicht liegt es aber auch daran, daß nach dem Unglück im Heysel-Stadion 1985 die Fans anfingen nachzudenken und erfuhren, welchen Einfluß sie tatsächlich haben könnten. Zum Teil strengen sich jetzt auch die Fußball-Clubs an, die ihre Kundschaft davon überzeugen wollen, daß Frauen und Alte gefahrlos ein Spiel besuchen können. Zum ersten Mal bemühen sich die Clubs um ihre Fans.

Und die Regierung bemüht sich mit ihnen.

Taylor: Thatcher hat nur die Kontrolle der Fans im Auge, ihr wäre der Fußball ohne Zuschauer am liebsten, weil sie wie die meisten Club-Präsidenten vom Spiel nichts versteht. Selbst der dümmste Hooligan hat mehr Ahnung vom Sport als der Verband und die Politiker. Eine europäische Superliga mit einem halben Dutzend englischer Spitzenmannschaften, die von Satelliten-TV-Unternehmen finanziert werden, und ohne die leidenschaftliche Menge auf den Rängen auskommt – das wäre der Regierung am liebsten.

Statt die umstrittenen maschinenlesbaren Identitätskarten einzuführen, die selbst von der Polizei abgelehnt wurden, sollen nun in allen Stadien die Stehränge verschwinden. Was sagen Sie dazu?

Taylor: Die Identitätskarten waren eine völlig idiotische Maßnahme. Sie hätten überall ähnliche Verhältnisse geschaffen, die zu Hillsborough führten. Daß nun die Stadien umgebaut und nur noch Sitzplätze angeboten werden sollen, halten wir für falsch. Fußball ist ein Spiel, das Leidenschaften freisetzt – jedenfalls bei allen, die etwas davon verstehen. Da kann man nicht zusehen wie bei einem Tennismatch. Nur Sitzplätze in den Stadien würden das Spiel verändern. Wir, die FSA, sind jedenfalls gegen die Abschaffung der Stehränge; schon deswegen, weil dadurch die Preise nochmal teurer werden. Unsere Aufgabe ist nun, die Clubs so weit zu bringen, daß aus dem Fußball wieder das wird, was er schon lange nicht mehr war: Ein demokratisch bestimmtes Spiel der Arbeiterklasse.