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Zwischenbilanz von Bahn und Politik

Stuttgart 21: Nichts gelernt

30. Juni 2026 | Mehr als «Ausreden, Intransparenz und leere Versprechungen» habe es nicht gegeben – so bewerten Kritiker:innen das letzte Treffen der Verantwortlichen für das unsinnige Tiefbahnhof-Projekt.

«Sie sei «als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet». Mit diesen Worten charakterisierte das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 die Rolle von Evelyn Palla in einer Pressemitteilung. Die neue Bahnchefin habe maximale Aufklärung und Transparenz versprochen: Kein Stein würde auf dem anderen bleiben. Geliefert aber wurde nur «ein Blumenstrauß von Versprechungen, durch nichts hinterlegt außer der Erwartung, man solle diesmal den Zusagen glauben». Statt der erhoffen Aufklärung sei bloß «wieder die alte Geheimniskrämerei» geliefert worden.

In der Tat bleibt auch nach dem Treffen des Bahnvorstands mit Politiker:innen des Landes sowie der Stadt und der Region Stuttgart, dem sogenannten Lenkungskreis, vieles im Ungefähren. Zwar wurde bestätigt, was vorher schon bekannt war: Der Tiefbahnhof S21 wird wohl erst Ende 2031 eröffnet und kostet mutmaßlich nochmals drei Milliarden Euro mehr, wie der SWR berichtete. Grund dafür sind unter anderem falsch verlegte Kabel und die unüberschaubar vielen Probleme beim Digitalen Knoten Stuttgart.

Viel mehr jedoch, so das Aktionsbündnis, habe die Sitzung nicht ergeben: «Entscheidende Fragen, von denen selbst eine (Teil-)Inbetriebnahme abhängt, wurden nicht gestellt und nicht beantwortet». Beispielsweise die

● nach dem fehlenden Brandschutz,

● nach den Sicherheitsrisiken bei extrem überhöhter Gleisneigung,

● nach den Überflutungsgefahren bei Starkregen,

● nach Resilienzabsicherungen bei Störungen.

Klar abgebügelt hat der Lenkungskreis hingegen die von vielen, darunter dem Landesbündnis Pro Gäubahn, vorgetragene Forderung nach einer Aufgabe des teuren und verkehrspolitisch unsinnigen Pfaffensteigtunnels. Und nach dem dauerhaften Erhalt des Kopfbahnhofs als Kombilösung des absehbaren Kapazitätsproblems.

Nur Opfer?

«Für gelöste Stimmung in der Lenkungskreisrunde», so das Aktionsbündnis in seiner Pressemitteilung, habe gesorgt, «dass Frau Palla alle Schuld auf sich genommen hat. Genauer gesagt hat sie die Verantwortung von der Bahnspitze auf das bisherige Projektmanagement» verschoben. Das erlaube es den Politiker:innen, also Ministerpräsident Cem Özdemir, Verkehrs-ministerin Nicole Razavi und Stuttgarts OB Frank Nopper, sich «als Opfer der Bahn» zu sehen – «dabei sind gerade sie es, die mit sturem Festhalten am längst gescheiterten Projekt die Bahn immer tiefer in das Debakel und ihre Überschuldung hineintreiben».

Durchaus denkbar sei, so Aktionsbündnis-Sprecher Dieter Reicherter, dass bei «einer Pressekonferenz im Juni 2031 zur erneuten Verschiebung» ein:e neue:r Bahnchef:in verkünden werde, «dass man jetzt einen neuen Plan und alles im Griff habe. Der neue Ministerpräsident wird das beste und digitalste Projekt weltweit verlangen und der neue Stuttgarter OB wird androhen, bei weiteren Verzögerungen werde er ungemütlich. Die nicht mehr im Landtag vertretene SPD wird ein Grußwort übersenden, dass man an die Bahn glaube und Gottes Segen auf dem Projekt ruhe.»

Provisorien ohne Lösung

Etwas weniger sarkastisch kommentiert das Landesbündis Pro Gäubahn die Ergebnisse des bei der S21-Lenkungskreissitzung vorgestellten Fünf-Stufen-Plans der Deutschen Bahn zur Inbetriebnahme von Stuttgart 21. «Als großen Fortschritt werten wir es, dass die Deutsche Bahn die Teilinbetriebnahme von Stuttgart 21 mit einem Kombibahnhofbetrieb ab Dezember 2031 plant und die Gäubahn auch in diesem Kombibahnhofbetrieb weiterhin über die bestehende Strecke den oberirdischen Stuttgarter Hauptbahnhof erreichen soll», so Andreas Frankenhauser von Pro Gäubahn.

Kritisch sieht das Bündnis jedoch, dass «der von der Bahn geplante Kombibahnhof weiterhin lediglich als Provisorium vorgesehen ist und die ursprünglich für das Frühjahr 2025 geplante Gäubahn-Kappung nicht abgesagt, sondern auf März 2032 verschoben wurde». Die vorgesehen Gäubahn-Kappung in Vaihingen dürfe nicht «immer weiter nach hinten verschoben» werden, sagt auch Michael Leibrecht von Pro Gäubahn Rottweil: Sie «muss dauerhaft abgesagt werden».

Es brauche eine langfristige Anbindung der Gäubahn an den Stuttgarter Hauptbahnhof – und zwar ohne den «grundlegend fehlgeplanten» Pfaffensteigtunnel, dessen Realisierung die Bahn überfordere. «Es kommt jetzt darauf an, die durch die erneute Verschiebung von Stuttgart 21 gewonnene Zeit sinnvoll zu nutzen und ein Konzept zu entwickeln, wie der Bahnknoten Stuttgart und die Gäubahn dauerhaft zukunftsfähig gestaltet werden können», sagt Hans-Jörg Jäkel vom Gäubahnkomitee Stuttgart. Und: «Wir stehen gern beratend zur Seite und bringen unseren Sachverstand ein.»

In der Tat: «Die nun gewonnene Zeit» könnte, so das Pro Gäubahn Bündnis, «für eine grundlegende Neukonzeption» genutzt werden – auch unter Einbeziehungen der sachkundigen Kritiker:innen des S21-Projekts, die seit Jahrzehnten mit ihren Einwänden recht behalten haben. Aber wollen das die Bahn oder die grün-schwarzen Landespolitiker:innen?

Derzeit sieht es nicht danach aus. Wie Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe am Montagabend auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Widerstand gegen S21 und gegen Sozialabbau berichtete (die Debatte ist hier aufgezeichnet), lehnt es nicht nur der Bahnvorstand ab, sich mit ihm zu treffen. Auch der frühere Ministerpräsident Winfried Kretschmann wollte Resch nicht auf seinem Sommerfest haben (AfD-Politiker hingegen schon). Und der neue Ministerpräsident Cem Özdemir verweigert ebenfalls das Gespräch mit den Umweltaktivisten. Geht so grüne Politik? (pw)

PS: Zum Thema Fernwanderwege im Stuttgarter Hauptbahnhof hat Klaus Gietinger ein sehenswertes Kurzvideo erstellt («Kurze Wege zum Kopfbahnhof statt Stuttgart 31 – Fernwanderweg ade»), in dem Hans-Jörg Jäkel Lösungen präsentiert.


Der Text basiert auf Pressemitteilungen vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und dem Landesbündnis Pro Gäubahn. Er tritt an die Stelle eines Berichts, den ich anlässlich der 811. Montagsdemo und einer Podiumsdiskussion über den Widerstand gegen S21 und gegen Sozialabbau schreiben wollte. Doch die Bahn stoppte die Anreise («Stellwerk-Probleme», «Signalstörung»).