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100 Jahre Volksentscheid über Fürstenenteignung
«Der Bolschewismus marschiert!»
20. Juni 2026 | Heute jährt sich zum hundertsten Mal eine politische Auseinandersetzung, die Millionen beschäftigte: Es ging um die entschädigungslose Enteignung der Fürsten. Die Volksabstimmung spaltete die Bevölkerung – auch in der Region.
Die Zeit vor dem 20. Juni 1926 war hart gewesen. Die Hyperinflation von 1923 hatte unzählige Existenzen an den Abgrund geführt, Hunger und Verzweiflung ausgelöst, das Bankenwesen in eine Krise gestürzt, den Ruf der Weimarer Republik nachhaltig beschädigt und den deutschnationalen, monarchistischen Kräften enormen Zulauf beschert. Die Wirtschaft erholte sich erst Ende 1924 etwas von der massiven Geldentwertung, die Löhne und Renten ins Nichts aufgelöst, Besitzer:innen von Grund und Immobilien, darunter den Adel, aber weitgehend entschuldet hatte. Dann, im Jahre 1925, folgte die Wahl Paul von Hindenburgs zum Reichspräsidenten, die eine Rückkehr zu autoritären Verhältnissen signalisierte.
Parallel dazu entwickelten sich die «Goldenen Zwanziger Jahre» mit einem beachtlichen Aufschwung an künstlerischen, kulturellen, wissenschaftlichen Entwicklungen, einer kapitalismuskritischen Massenkultur, neuen Bauformen, einer Vielzahl an neuen Zeitungen und vorsichtigen Sozialreformen. Dies täuschte aber nicht darüber hinweg, dass das Land politisch gespalten war.
Bei der Reichstagswahl am 7. Dezember 1924 gewannen die Parteien der Arbeiter:innen-Bewegung, die SPD und die KPD, zusammen knapp 35 Prozent der Stimmen; die konservativ-bürgerlichen Parteien (die Deutschnationale Volkspartei, die katholische Zentrumspartei, die Deutsche Volkspartei und die liberale Demokratische Partei) schafften es hingegen auf etwas über 50 Prozent. Im Vergleich zur vorherigen Wahl im Mai 1924 hatte die Linke ingesamt zwar etwas zugelegt, die KPD aber (vorübergehend) fast ein Drittel ihrer Sitze verloren.
Eine distanzierte Allianz
Und so verfestigte sich in der revolutionär-kommunistischen Organisation die Idee, per Volksbegehren und Volksentscheid eine Frage ins politische Zentrum zu rücken, die nach 1918 nur wenige thematisiert hatten: Im Zuge der Novemberrevolution war zwar der Adel politisch entmachtet und der Kaiser ins Exil gedrängt worden, den Anspruch auf ihre Besitztümer, die teilweise beschlagnahmt worden waren, hatten die Fürsten jedoch behalten. Und nicht nur das: Sie forderten zunehmend eine großzügige Entschädigung für das, was sie ihr Eigentum nannten – und bekamen von den Gerichten zumeist Recht. Also lancierte die KPD eine Gesetzesinitiative zur entschädigungslosen Enteignung des Adels.
Diesem Vorstoß stand die sozialdemokratische Führung anfangs skeptisch gegenüber – doch das änderte sich, als sich an der SPD-Basis eine deutliche Zustimmung zur kommunistischen Initiative zeigte. Also setzte sich die SPD mit den ihr nahestehenden Gewerkschaften, dem sozialdemokratischen Wehrverband Reichsbanner und anderen zusammen, die allesamt die KPD-Idee begrüßten. Daraus entstand eine der wenigen gemeinsamen reichsweiten Kampagnen der beiden Parteien, die sich ansonsten bekämpften; mit zur Einheitsfront beigetragen hatte dabei auch die Unterstützung durch zahlreiche linke Intellektuelle von Albert Einstein bis Kurt Tucholsky, von Käthe Kollwitz bis George Grosz.
Auf vielen Demonstrationen, Betriebsversammlungen, Straßentheateraufführungen und Flugblättern verbreitete die Linke die Vision eines Landes, in dem die Fürstenschlösser zu Genesungsheimen und sozialem Wohnraum umgebaut werden, der Boden an Kleinbauern verteilt wird und das fürstliche Barvermögen an die Familien von Kriegsopfern geht.
Tricksereien der Fürstenfreunde
Eine für viele überzeugende Idee. Und so kam es in der ersten Märzhälfte 1926 zum ersten Schritt in Richtung Volksentscheid. Die Reichsverfassung sah dafür zunächst ein Volksbegehren vor: Zehn Prozent der Stimmberechtigten, damals rund vier Millionen, mussten in einer Art erstem Wahlgang dem Vorhaben zustimmen. Danach, zweiter Schritt, kam der Gesetzentwurf zur Fürstenenteignung vor den Reichstag, wo ihn die bürgerliche Mehrheit am 6. Mai aber ablehnte. Danach war der Weg frei.
Das Volksbegehren endete mit einer Überraschung: Reichsweit trugen sich rund 12,5 Millionen in die amtlichen Listen ein, dreimal mehr als nötig und unterstützt von deutlich mehr Wähler:innen, als bei der vorigen Reichstagswahl für SPD und KPD gestimmt hatten. Das Ergebnis erschütterte die rechtskonservativen Bürgerlichen – und so griffen sie zu einem Trick: Nur Tage nach dem Bürgerbegehren erklärte Reichspräsident Hindenburg, der knapp sieben Jahre später die Nazis an die Macht bitten sollte, dass die geplante Fürstenenteignung eine Verfassungsänderung bedeute. Dafür aber reiche beim Volksentscheid eine einfache Mehrheit der Abstimmenden nicht aus – um zu gewinnen, brauche es eine Mehrheit aller Stimmberechtigten.
Eine sehr hohe Hürde mit Nebeneffekten: Entschieden wurde der Kampf nun nicht mehr an der Wahlurne; wer die Fürsten schonen wollte oder Angst vor den Folgen hatte, konnte einfach zu Hause bleiben. Genau das empfahl das konservative Bürgertum. Damit verschwand freilich auch das Wahlgeheimnis: Wer sich vor den Augen der anderen auf den Weg machte, gab auf diese Weise auch seine oder ihre Entscheidung bekannt.
Riesenberg und Reichsbanner
Damit waren die Voraussetzungen für eine erbitterte Auseinandersetzungen gegeben – auch in der Region. In Konstanz hatte sich wie überall die Gesellschaft weiter polarisiert. Die nationale Rechte, die nach 1918 nie aufgehört hatte, die Weltkriegsgemetzel zu heroisieren und Deutschlands Niederlage den Demokrat:innen anzulasten, marschierte wieder durch die Straßen. Zu einem selbst für die Garnisonsstadt großen Aufmarsch strömten im August 1925 rund zehntausend Bürger:innen und Zugereiste; man feierte die Einweihung der Riesenberg-Kapelle «zu Ehren der fürs Vaterland gefallenen Kameraden».
Im folgenden Juni mobilisierte die Konstanzer Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold zum «Republikanertag»; diese paramilitärische Organisation war 1924 zum Schutz der Weimarer Demokratie gegründet worden. Der Anlass fand mit rund dreitausend Beteiligten allerdings weitaus weniger Zuspruch als die Demonstration der Militarist:innen im Jahr zuvor.
Wie gespalten die Bevölkerung vor dem Entscheid zur Fürstenenteignung war, lässt sich den drei Tageszeitungen entnehmen, die damals in Konstanz erschienen waren. Die katholische Deutschen Bodensee-Zeitung (vormals Konstanzer Nachrichten), die liberal-konservative Konstanzer Zeitung und das sozialdemokratische Konstanzer Volksblatt (Lokalausgabe der Singener Tageszeitung Volkswille «für die werktätige Bevölkerung») mobilisierten nach Kräften ihr jeweiliges Publikum.
Verstoß gegen die christliche Sittenordnung?
Doch es gab noch mehr: Da waren Flugblätter im Umlauf, die sich beispielsweise mit der von den Fürsten verlangten Abfindung («rund drei Milliarden Goldmark!») befassten und warnten: «Augen auf! Taschen zu! Die Fürsten kommen!». In jedem Dorf, in jeder Gemeinde des heutigen Landkreises fanden Versammlungen zu «Volksnot und Fürsten-Habsucht» statt. In vielen Kirchen wiederum predigten Priester von den Kanzeln herab gegen den Volksentscheid. Auch Großkundgebungen wurden organisiert.
Beispielsweise das vom sozialdemokratischen Reichsbanner Anfang 1926 veranstaltete Treffen im Konzil. Der Andrang war riesig. Auf ihm referierte Erwin Eckert, Pfarrer in Meersburg und Sprecher des Bunds Religiöser Sozialisten, der dabei einen Satz formulierte, der – leicht abgewandelt – im Laufe der folgenden Jahre noch öfters fallen sollte: «Wenn wir 1918 eine Revolution gehabt hätten, dann gäbe es heute keine Unruhe mehr über die Fürstenabfindung.» Tosender Beifall habe den Pfarrer da unterbrochen, berichtete das Volksblatt, in dem Eckert kurz vor dem Volksentscheid einen flammenden Appell («Keinen Pfennig den Fürsten!») veröffentlichte.
Die Christen von der anderen Fraktion konnten dem wenig abgewinnen: Für sie ging es bei der Entscheidung vor allem um Glaubensfragen. Im «kerndeutschen Volke (…), auf das einst Könige und Fürsten felsenfest bauen konnten, herrschen heute üble Stimmungen», konstatierte die Bodensee-Zeitung kurz vor der Wahl, denn bis vor kurzem «wußten selbst gute Katholiken nicht mehr, welches der rechte Weg sei». Nachdem jedoch «die Bischöfe gesprochen, gibt es keine Entschuldigung mehr».
In dieselbe Richtung argumentierte die Konstanzer Zeitung (am 12. Juni 1926), in der stand: «Das siebte Gebot sagt: Du sollst nicht stehlen. Das zehnte: Du sollst nicht begehren Deines nächsten Gut. Wer einem anderen sein Gut nimmt, begeht deshalb Diebstahl, sei der andere, wer er will. Ein Gesetz, welchen den Fürsten ihr Vermögen entschädigungslos nimmt, verstößt somit auf das Schwerste gegen die christliche Sittenordnung.»
Erst Mainau und Salem, dann der Untergang
Überhaupt lehnte sich die Konstanzer Zeitung (das «nationalmiserable» «Organ der Rechtsputschisten», das «lügt und fälscht», so das Volksblatt) weit aus dem Fenster. Die Redaktion malte den Untergang an die Wand: «Bürger, Bauern, Arbeiter! Der Bolschewismus marschiert!» Damit begann am 5. Juni 1926 ein Beitrag in der Konstanzer Zeitung. Und weiter hieß es: « (…) Mit dem mit tausend Lügen eingeleiteten Feldzug gegen den gesamten Besitz – auch reinen Privatbesitz! der Fürsten – soll der neuerliche Raubzug auf jeden Besitz beginnen.»
Denn nach der «wider Recht, Verfassung und Christentum erzwungenen Beraubung der Fürsten soll die Enteignung der Kirchen, Klöster, des Großgrundbesitzes, der Bauern, der Industrie, des gewerblichen Mittelstandes, des Hausbesitzes, der Rentner, der Pensions- und Rentenbezieher sowie der Sparer, kurzum jedes Privatbesitzes folgen. (…) Restlose Arbeitslosigkeit in Stadt und Land, Hunger und Bürgerkrieg müssen die Folgen einer solchen Entwicklung sein. Dies sollte auch der verständige – selbst sozialistische – Arbeiter klar erkennen.»
Zudem beschädige eine Fürstenenteignung die internationalen Beziehungen. Es könne, so zitierte die Konstanzer Zeitung den Landtagsabgeordneten Hermann Dietrich von der Deutschen Demokratischen Partei, «zu Differenzen mit dem Königreich Schweden kommen». Die Insel Mainau befinde sich im «Besitz der Königin von Schweden, und wenn das Volksentscheidsgesetz in Baden zur Durchführung kommen müsste, so würde natürlich auch die Insel Mainau aus dem Eigentumskomplex des früheren großherzoglichen Hauses herausgerissen werden.» Ein paar Tage später äußerte der liberale Politiker, der von 1914 bis 1919 Konstanzer Bürgermeister gewesen war, die Befürchtung, dass bei einem Erfolg der Linken «Prinz Max die Herrschaft Salem herausgeben» müsse (Konstanzer Zeitung, 19. Juni 1926).
Gegen die «Lügenfront der Fürstenknechte»
Ganz anders das Konstanzer Volksblatt mit seinem Redakteur, dem SPD-Landtagsabgeordneten und Gewerkschafter Karl Großhans. Es berichtete ausführlich über die Haltung der Parteien, der Industrie, der Bauernvereine, warnte vor falschen Handzetteln der «Reaktionäre» (die zur «Irreführung der Wähler» in der Region verbreitet würden), informierte über Straßenkundgebungen und Polizeieinsätze und hob das Engagement progressiver Kirchenleute hervor.
Die Blatt beschrieb auch recht anschaulich, wie viel Entschädigung der Adel von den Steuerzahler:innen beanspruchte: 2800 Millionen Mark entsprächen «einem Eisenbahnzug von 200 Achsen zum Brechen voll mit reinem Gold (…) Der gesamte Goldbestand in den Kassen der Reichsbank (760 Millionen Mark) ist nur der vierte Teil davon». Die Redaktion ermunterte daher die Leser:innen, in Singen ein Flugblatt zu verteilen, mahnte aber zur Vorsicht: «Es täusche sich keiner über die Gegenaktion der Fürsten und Fürstenknechte. Alles, was direkt oder indirekt an der Erhaltung der Faultiere, Parasiten und Sumpfpflanzen im deutschen Volksleben interessiert ist, wird mobil gemacht werden.»
Mitunter zitierte sie Berichte aus zentrumsnahen Blättern wie dem Hegauer Erzähler aus Engen oder dem Heuberger Volksblatt («erreicht den Gipfel der Gemeinheit») aus Meßkirch, die die Landwirte mit Aussagen warnten wie «Lenkt eure Blicke hinüber nach Russland, (…) wie dort der Bauer von seinem Gut verjagt wurde.» Auch deswegen sparte das Volksblatt selber nicht an klar formulierten Botschaften. «Der Sturm gegen den Fürstenraub am Volk muß den ,nationalen’ Volksbetrügern, Aufwertungsschwindlern und kapitalistischen Enteignern der armen Leute so um die Nase fegen, daß sie (…) zusammenbrechen. Darum auf, ihr Republikaner! Durch Kampf zum Sieg!»
Land- gegen Stadtbevölkerung
Wie überall im Reich hatte das rechtsnationalistische und wirtschaftsliberale Konstanzer Bürgertum zur Wahlenthaltung aufgerufen, ebenso die 1925 wieder gegründete Ortsgruppe der nach dem fehlgeschlagenen Hitler-Putsch am 9. November 1923 kurzzeitig verbotenen NSDAP. Das Volksblatt nannte dies zwar «Terror», dem «mit aller Schärfe zu begegnen» sei («Die Monarchisten wollen eine öffentliche Kontrolle üben, wollen jeden, der abstimmt, als Feind behandeln und wirtschaftlich und gesellschaftlich drangsalieren»). Aber es half nichts. Wie überall im Reich – mit Ausnahme von Berlin, Hamburg und Leipzig – verfehlte der Volksentscheid auch in Baden das nötige Mehr von 50 Prozent der Stimmberechtigten.
Ein bemerkenswertes Ergebnis konnten die beiden Linksparteien KPD und SPD, die bei der Reichstagswahl 1924 in Konstanz zusammen nur ein Fünftel der abgegebenen Stimmen gewonnen hatten, trotzdem erzielen. In Konstanz beteiligten von 20.160 Stimmberechtigten rund 43 Prozent am Volksentscheid, 40,7 Prozent votierten für die entschädigungslose Fürstenenteignung. In Arbeiterquartieren wie Petershausen lag der Anteil der Ja-Stimmen bei fast 55 Prozent, im villenbestückten Musikerviertel waren es – wenig überraschend – weniger als 15 Prozent.
Ein ähnliches soziales Muster zeichneten auch die Resultate in anderen Wahlbezirken des heutigen Landkreises: In Radolfzell (knapp 4500 Stimmberechtigte) hatten knapp 46 Prozent für die Fürstenenteignung votiert, in der Industriestadt Singen (rund 7000 Wahlberechtigte) waren es sogar über 61 Prozent. In Möggingen und Schienen überschritten die Ja-Stimmen – aus heute kaum mehr nachvollziehbaren Gründen – die 70-Prozent-Marke. Am anderen Ende lagen Litzelstetten und Liggeringen. Und ganz unten landete – wenig überraschend – das Klosterdorf Hegne. Dort stimmten gerade mal 11 von 309 wahlberechtigten Einwohner:innen für die Fürstenenteignung – ein Anteil von 3,6 Prozent.
Am Tag nach dem Entscheid, am 21. Juni 1926, titelte das Konstanzer Volksblatt: «Kein Sieg, aber ein großer republikanischer Erfolg». Der leider nicht von Dauer war. (pw)
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