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Deutschland: Achtzig Jahre Hitler-Attentat

Ein Beispiel für alle – heute erst recht

10. November 2019 | Weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gab es am vergangenen Freitag eine bemerkenswerte Führung zum Hitlerattentäter Georg Elser und dessen Leben in Konstanz. Eingeladen hatte das Hauptzollamt Singen.

Es war eine kleine Schar gewesen, die genau am achtzigsten Jahrestag des gescheiterten Attentats auf die Naziführung nachmittags im Wessenberggarten stand. Zuvor hatten sich die ZollbeamtInnen, Betriebsrats- und Gewerkschaftsmitglieder vom Zoll, zwei StadträtInnen, der Leiter der Georg-Elser-Gedenkstätte in Königsbronn Joachim Ziller und drei, vier anderen Interessierte bei strömendem Regen zwei Stunden lang auf Elsers letzten Weg durch die Stadt begeben: Vom Hafen, in dem Elser am Abend des 8. November 1939 angekommen war, über die Marktstätte, durch die Rosgartenstraße, über den Bodanplatz, durch die Hüetlinstraße bis zur Schwedenschanze. Hier, im Wessenberggarte,n hatte ein Grenzbeamter Elser nur ein paar Meter vor dem Zaun zur Schweiz festgenommen und dann der Gestapo übergeben.

Zuvor aber hatte Stadtführer Hans-Peter Metzger einen Schlenker eingebaut – in die Niederburg. Dort, in der Inselgasse 15, im hinteren Teil des Hauses zum Blaufuss hatte Elser von 1925 bis 1930 gelebt, bevor er in die Gebhardtstraße 2 und später in die Fürstenbergstraße 1 umgezogen war. Überhaupt kann Metzger viel erzählen über den Mann, der mit seiner einsamen Tat den Krieg hatte verhindern wollen. Über die Armut während seiner Jugend in Königsbronn, über seine Ausbildungszeit zuerst als Eisendreher, dann als Schreiner, über seine Wanderschaft, die ihn an den Bodensee und nach Konstanz führte. Über seine Tanz- und Musikleidenschaft, sein Zitherspiel (ohne den kleinen Finger an der rechten Hand, den er früh verlor), seine wechselnden Arbeitsstellen, seine Exaktheit beim Schaffen in der Uhrenfabrik Schuckmann in der Fischenzstraße, bei der Schreinerei Schönholzer in Bottighofen, später in der Uhrenfabrik Rothmund (Meersburg) – und über seine Liebschaften. Und darüber, dass er stets die KPD wählte (ihr aber nie angehörte) und Ende der zwanziger Jahre dem Rotfrontkämpfer (RFK) beitrat. Einsam war Elser in seiner Konstanzer Zeit (1925 bis 1932) nicht gewesen, aber einsam hatte er – als die anderen wegschauten oder mitmachten – die Entscheidung getroffen, dass die Naziführung beseitigt werden muss, um Schlimmeres zu verhindern.

Nach langem Nachdenken und vielen Recherchen hatte der Präzisionsarbeiter Elser, der 1932 wieder nach Königsbronn zurückgekehrt war, im Herbst 1938 beschlossen, eine Bombe zu basteln. Die damals jährlichen Feierlichkeiten zum (gescheiterten) Hitlerputsch am 9. November 1923 schienen eine gute Gelegenheit zu bieten. Also höhlte er von August bis November 1939 im Münchner Bürgerbraukeller – wo das Nazitreffen stattfand – die Säule neben der Rednertribüne aus, packte den in seiner kurzen Zeit als Steingrubenarbeiter gesammelten Sprengstoff hinein, werkelte den Zünder dazu, stellte die Uhren ein und machte sich am 8. November auf den Weg in die Schweiz. Alles funktionierte prächtig, die Bombe detonierte pünktlich um 21.20 Uhr. Allerdings, und das ist eine der großen Tragödien der jüngeren Geschichte: Hitler, Göring und Goebbels standen nicht mehr dort, wo sie normalerweise gestanden wären. Nebel verhinderte den Rückflug nach Berlin und so verließ die NSDAP-Spitze den Versammlungsort 13 Minuten zu früh, um noch den Zug zu erwischen. Als die Meldung vom Münchner Attentat über die Ticker ging, wurde Elser mit seinem RFK-Anstecker am Revers unter dem Mantel bereits verhört.

Er wurde vom Zoll ans Konstanzer Gestapoquartier an der Mainaustraße, von dort nach München und Berlin weitergereicht, wurde gefoltert und verhört (weil niemand an eine Einzeltäterschaft glaubte), danach in den KZs Sachsenhausen und Dachau interniert und am 9. April 1945, kurz vor Kriegsende, in Dachau durch Genickschuss getötet. Und vergessen. Erst Ende der 1960er Jahre, als die Verhörprotokolle die Öffentlichkeit erreichten, nahm man ihn und seine Tat vereinzelt wahr. Aber nicht ernst. Es spukten noch lange Geschichte über den britischen Geheimdienst und andere vermeintliche Hintermänner durch das Nachkriegsdeutschland. Noch vor nicht allzu langer Zeit, erzählte der Königsbronner Gedenkstättenleiter Ziller auf dem Stadtrundgang, habe es in einer Zeitung geheißen, dass so ein «schlichter Mensch» wie Elser intellektuell gar nicht zum Widerstand fähig gewesen sei.

Umso mehr freut es Kai Dade, Leiter des Hauptzollamts Singen, dass vor kurzem die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» Elser auf eine Stufe mit den seit langem offiziell geehrten WiderstandskämpferInnen vom 20. Juli 1944 stellte. Endlich sei auch dieser einfache Arbeiter anerkannt, «der schon fünf Jahre vor Stauffenberg handelte», sagte Dade nach der Kranzniederlegung des Hauptzollamts Singen an der Gedenkbüste von Elser im Wessenberggarten an der Schwedenschanze. Der Zoll habe schon mehrfach an den Attentäter Elser erinnert, fügte er hinzu – und fragte die Anwesenden, ob sie sich noch erinnern können, wo sie vor genau fünf Jahren gewesen seien. Niemand reagiert. «Ich war hier», antwortet Dade. Aber sonst sei niemand zum 75. Jahrestag des Attentats und Elsers Verhaftung gekommen.

Wohl auf seine Initiative hin (und die seiner MitstreiterInnen) war im Zollgebäude an der Kreuzlinger Straße in den letzten Wochen die Elser-Gedenkausstellung «Ich habe den Krieg verhindern wollen» zu sehen. Schade nur, dass sie kaum jemand besucht hat, weil es nur wenige Hinweise darauf gab; nicht mal an der Eingangstür hing ein Plakat. Aber immerhin: Die sehenswerte Ausstellung, die bereits 2017 in Singen und Konstanz gezeigt wurde, werde in den nächsten Jahren, so Dade, wieder vom Zoll nach Konstanz geholt.

Dass Konstanz und die KonstanzerInnen Elser nicht ganz vergessen haben, zeigte die – offenbar besser beworbene – szenische Lesung «Georg Elser: Allein gegen Hitler» am Freitagabend im übervollen Sitzungssaal des Landratsamts. Die bemerkenswerte Collage aus den Verhörprotokoll Elsers [http://www.georg-elser-arbeitskreis.de/texts/protokoll.htm] und Liedern des Widerstands endete mit den Worten, vorgetragen von Joachim Ziller: «Georg Elser hatte sich nicht von der alltäglichen, allgegenwärtigen, menschliche Vorurteile bedienenden nationalsozialistischen Propaganda blenden lassen. Er widerstand dem allgemeinen Jasagertum des Dritten Reichs. Die wichtigste Lehre aus dem Leben und der Tat Georg Elsers ist daher nicht gewalttätiger Widerstand, sondern die Verpflichtung zum eigenständigen Denken, zur Bewahrung der Grundrechte und zum Mut, sich nicht verführerischen Parolen machtbesessener Menschen zu beugen.»

Bleibt noch die Frage, ob Elser überlebt hätte, wenn ihm die Flucht über die Grenze geglückt wäre. Damals praktizierte die Schweiz eine rigorose Ausschaffungspraxis; nicht nur politische Flüchtlinge, auch JüdInnen wurden rücksichtslos zurückgeschickt oder gleich den Nazis übergeben. Besonders hart ging der Thurgau vor. Daran sollte – beispielsweise an der Grenze – sichtbar erinnert werden, schon um zu zeigen, wie inhuman Deutschlands derzeitige Abschiebungen sind. Und überhaupt: Reicht es, alle zehn Jahre an Elser zu erinnern? Warum gibt es keine Plaketten an den Häusern, in denen er in Konstanz lebte? Wo das war, wissen ja selbst alteingesessene KonstanzerInnen nicht. Und warum ist der letzte Weg in Freiheit, den Elser 1939 vom Hafen bis zur Grenze nahm nicht markiert? Eine Kennzeichnung könnte Menschen zum etwas abgelegenen Denkmal im Wessenberggarten führen, von dem nur Eingeweihten wissen. Selbst TeilnehmerInnen der Stadtführung am Freitag kannten es nicht. (pw)

Mehr Informationen zu Georg Elser bieten die Websites der Gedenkstätte deutscher Widerstand, des Elser-Arbeitskreises Heidenheim und zwei Filme, die online über diesen Link gesehen werden können.