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Buchkritik: «Türkisches Roulette»

Was will Europa in Kleinasien?

4. Oktober 2007 | Seit der Wahl von Abdullah Gül Ende August hat die Türkei ein islamisch-konservatives Staatsoberhaupt. Doch über das Land gibt es viel mehr zu sagen.


Titelblatt «Türkisches Roulette»Hand aufs Herz: Wer hätte je gedacht, dass ausgerechnet eine islamische Partei die Türkei kapitalistisch modernisieren, den überaus mächtigen Generalstab ausbremsen und das halb europäische, halb asiatische Land Richtung EU führen würde? Und wer hätte je damit gerechnet, dass sich eine islamische Bewegung so schnell reformieren könnte? Noch 1994 hatte die damalige Wohlfahrtspartei Refah den Sieg ihres Kandidaten bei der Oberbürgermeisterwahl von Istanbul mit einer Massenveranstaltung gefeiert: In Zehnerreihen, mit Fackeln und Fahnen waren seinerzeit die Parteidelegierten im Gleichschritt in das Fussballstadion einmarschiert, wo sie ihren Vorsitzenden Necmettin Erbakan feierten und die Einführung der Scharia forderten. Erbakan war anschliessend sogar für kurze Zeit Ministerpräsident - bis ihn die Militärs 1996 aus dem Amt jagten.

Einleuchtende Analyse

Danach verliessen die «Erneuerer» um Tayyip Erdoğan und Abdullah Gül im Streit mit den «Traditionalisten» um Erbakan die Refah-Partei und gründeten ihre eigene Organisation, die Partei der Gerechtigkeit und der Entwicklung (AKP). Mittlerweile ist die AKP die bei weitem erfolgreichste Partei der Türkei. Ausgerechnet die islamisch-konservative AKP hat geschafft, was in den achtzig Jahren seit Gründung der Republik Türkei keiner anderen Regierungspartei gelungen war: Sie hielt fast eine volle Legislaturperiode durch – und wurde bei der vorgezogenen Wahl im Juli mit einem überwältigenden Stimmenvorsprung im Amt bestätigt. Über den Aufstieg der AKP ist viel geschrieben worden, aber selten zuvor hat jemand eine so klare und einleuchtende Analyse vorgelegt wie Dieter Sauter in seinem neuesten Buch «Türkisches Roulette».

Das Besondere am Buch ist sein Zugang. Sauter hat bewusst darauf verzichtet, mit PolitikerInnen zu reden. Es «ist nicht die Aufgabe von Politikern, ausländischen Journalisten andere Antworten zu geben als jene, die bereits in Pressemitteilungen oder Reden veröffentlicht sind», schreibt er. Stattdessen interviewte er Fachleute, die ihm und uns die grossen Veränderungen in der türkischen Gesellschaft und die Konstanten in der türkischen Politik darlegen. So berichtet beispielsweise der Politologe Ahmet Turkyilmaz, dass sich die Gesellschaft nach rechts bewege: Früher neigten rund sechzig Prozent der WählerInnen konservativen und rechten Parteien zu, heute sind es siebzig Prozent.

Neue Rolle für das Militär

Turkyilmaz und die anderen ExpertInnen, die Sauter befragte, liefern auch eine Erklärung für diese Verschiebung und den Aufstieg der AKP: Einerseits die Landflucht, die die Städte explodieren lässt – in denen es aber keine sozialen Sicherungssysteme mehr gibt. Anderseits die Herausbildung eines anatolischen Kapitals, das sich, so der Politwissenschaftler Tanju Tosun, «in den Siebziger- und Achtzigerjahren langsam von frommen Handwerkern und Händlern zu einem wuchtigen wirtschaftlichen Faktor entwickelt hat». Und das vor allem von der AKP vertreten wird.

Auch die Rolle des Militärs, das immer noch zahlreiche Konzerne kontrolliert, habe sich geändert. Das sagt jedenfalls Ümit Cizre von der angesehenen Stiftung für Wirtschaftliche und Soziale Studien. Die Wissenschaftlerin hat in einer akribisch recherchierten Studie die Strategiepapiere des Nationalen Sicherheitsrats analysiert und sich dadurch mit der achtgrössten Armee der Welt angelegt. Seit dem Ende des Kalten Krieges hätten sich deren Nato-Generäle den «inneren Feinden» zugewandt, sagt sie, dadurch aber ihre Unantastbarkeit verloren, weil sie nun nicht mehr «über den Parteien stehen», sondern selbst Partei geworden seien. Und damit auch angreifbar – wie der Sieg von Gül bei der Präsidentschaftswahl zeigte, den die Militärs verhindern wollten.

Sauter zeichnet nicht nur ein klares Bild der vielen Veränderungen in der türkischen Gesellschaft, er beschreibt auch – etwa anhand eines Interviews mit der Menschenrechtlerin Eren Keskin – die Konstanten: die vielen Misshandlungen und die Missachtung der BürgerInnenrechte. Die extrem hierarchischen Strukturen der parlamentarischen Parteien, die noch nie den Abgang eines Führers, einer Vorsitzenden überlebt haben. Den fragilen Zustand der Ökonomie. Und er schildert am Beispiel eines mafiosen Parkplatzbetreibers die grassierende Korruption (Parkplätze sind in Istanbul inzwischen ein Millionengeschäft), am Beispiel eines Kolumnisten die Kontrolle der Medien, am Beispiel eines Polizisten die Zustände bei den Sicherheitsorganen. Er spricht mit Sexualtherapeuten, Frauenrechtlerinnen, Kurden, KünstlerInnen, EU-Befürwortern und mit einem Stammesführer in Anzug und Krawatte, der das Prinzip der Blutrache erläutert.

Kleine Schnitzer

Abgesehen von etlichen Wiederholungen, die durch die integrale Wiedergabe mancher Interviews entstanden sind, und von Flüchtigkeitsfehlern, die einem aufmerksamen Lektorat hätten auffallen müssen (warum, um Himmels willen, ist an einer Stelle von «Katrillionen» die Rede, wo doch zehn Billiarden gemeint sind?), abgesehen von solchen kleinen Schnitzern also bietet das Buch einen exzellenten Blick auf die sich rasch wandelnde, von Gegensätzen geprägte türkische Gesellschaft. Die Gretchenfrage, die Sauter am Schluss stellt («Was will Europa in Kleinasien?») müssen die LeserInnen selbst beantworten. Und das können sie – nach der Lektüre. (pw)