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Nicht vergessen!
«No pasarán!»: Die Spanienfreiwilligen vom westlichen Bodensee
21. September 2026 | Vor neunzig Jahren machten sich – auch aus der Region – viele auf den Weg, um in Spanien die Republik und die Demokratie gegen den Faschismus zu verteidigen. Wer waren sie, was trieb sie an? Und worum ging es überhaupt?
Ist es Zufall, dass in dieser, auf ihre Erinnerungspolitik ach so stolzen Gesellschaft in letzter Zeit kaum jemand einen Gedanken an einen Konflikt verschwendete, der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg war? Hat es damit zu tun, dass die Ereignisse nicht hier passierten, sondern ein bisschen weiter weg? Oder liegt es an der weit verbreiteten Blindheit gegenüber historischen Entwicklungen, an der Geschichtsvergessenheit auch im Hinblick auf Ereignisse mit weitreichenden Konsequenzen?
An mangelnder Bedeutung kann es jedenfalls nicht liegen, was damals geschah, als in Spanisch-Marokko ein General Kolonialoffiziere und die Soldaten der spanischen Afrika-Armee um sich scharte, um eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.
Kurzer Rückblick: Mitte Februar 1936 hatten die Parteien der breiten Frente Popular, der Volksfront, die Wahlen zum spanischen Parlament gewonnen. Angeführt von politisch gemäßigten Republikanern versuchte die bürgerlich-liberale Regierung, den Einfluss des Großkapitals und des aristokratischen Großgrundbesitzes zu beschränken – mit sozialpolitischen Maßnahmen, mit einer vorsichtigen Landreform, mit der Freilassung von Zehntausenden politischer Gefangenen, die die rechte Regierung eingekerkert hatte, mit der Wiedereinstellung der während der großen Streiks 1934 entlassenen Arbeiter:innen.
Eine faschistische Luftbrücke
Es war kein radikales Programm, aber zu viel für die herrschenden Klassen – zumal die in Spanien wenig eingebundene anarchosyndikalistische Arbeiter:innenbewegung mit Aufständen vielerorts die Revolution erprobte und Teile der Industrie sowie Agrarflächen zu kollektivieren versuchte. Und so putschten in der Nacht vom 17. auf 18. Juli 1936 mehrere Generäle, darunter der faschistische Falangist Francisco Franco, gegen die Regierung. Allerdings sassen seine Truppen in der damals spanischen Kolonie Marokko – und konnte nicht aufs Festland übersetzen, da die spanische Kriegsmarine seinem Aufruf nicht gefolgt war und die marokkanischen Häfen blockierte.
Den Putschisten zu Hilfe kam die deutsche Nazi-Regierung: Sie entsandte Ende Juli aus Berlin und dem damaligen Flugplatz Stuttgart-Böblingen Transportmaschinen, die 10.000 Soldaten nach Andalusien beförderten – wahrscheinlich die erste Luftbrücke der Geschichte. Kurz danach eroberten Francos Truppen Sevilla.
Der große internationale Konflikt rechts gegen links hatte da anderswo schon begonnen, in Barcelona zum Beispiel. In der rebellischen Hauptstadt Kataloniens widersetzten sich bereits am 18. und 19. Juli Arbeitermilizen der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT) den Putschisten. Mit dabei waren unter anderem auch deutsche Anarchist:innen – darunter viele Juden und Jüdinnen –, die nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Januar 1933 aus Deutschland nach Spanien, der internationalen Hochburg des Anarchismus, geflohen waren.
Auch geflüchtete deutsche Kommunist:innen, die sich zur «Thälmann-Gruppe» zusammengeschlossen hatten, beteiligten sich an der erfolgreichen ersten Gegenwehr – ebenso Teilnehmer:innen der Olimpíada Popular. Die Volksolympiade in Barcelona war als Protest gegen die von den Nazis dominierten Olympischen Spiele 1936 in Berlin international organisiert worden, hätte vom 19. bis 26. Juli dauern sollen, wurde aber wegen des Putschs nach der Eröffnungsfeier abgesagt.
Kein Bürgerkrieg
Schon die ersten Wochen ließen erkennen, welche Dimensionen der Konflikt annehmen würde, der fälschlicherweise immer noch den Namen «Spanischer Bürgerkrieg» trägt: Es war kein Konflikt zwischen Bevölkerungsgruppen oder Regionen des schon damals multikulturellen Spaniens. Es ging um mehr. «Von dem Ausgang dieses Kampfes hängt das Schicksal Europas und nicht zuletzt das Schicksal der Nazigegner in Deutschland (…) ab», hieß es beispielsweise in den Deutschland-Berichten der in Prag exilierten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) (November 1936, dritter Jahrgang, Seite 1388).
Die internationale Beteiligung war von Anfang an erkennbar und prägte auch damals viele Debatten. Auf Seiten der rechtsextrem-katholischen Militärs agierten faschistische Staaten: In Italien hatte Benito Mussolini 1922 die Macht übernommen und 1935 Äthiopien überfallen; in Deutschland waren mit Hilfe der national-konservativen Kräfte die Nazis an die Regierung gekommen, rüsteten auf und marschierten im Rheinland ein; in Österreich setze sich ab 1934 der Austrofaschismus durch; in Portugal hatte der Diktator António Salazar die Staatsgewalt übernommen und in Griechenland bereiteten Generäle ab 1935 einen Putsch vor, der im August 1936 erfolgte. Die Faschisierung des Kontinents war unverkennbar; nur Spanien – das erinnert an heute – tickte anders.
Auf die andere Seite stellte sich mit einiger Verzögerung die stalinistische Sowjetunion. Die Kommunistische Internationale (Komintern) hatte zwar bald auf den Putsch reagiert und begonnen, Strukturen wie die Internationalen Brigaden auszubauen; gleichwohl überwog die sowjetische Skepsis, schließlich war die spanische KP im anarchistischen Spanien lange Zeit eine «sehr kleine Partei» geblieben. Das änderte sich erst, als Stalin ab Mitte Oktober Berater, Panzerfahrer und Piloten schickte und in Einzelteile zerlegte Panzer und Flugzeuge lieferte (die sich die Sowjetunion übrigens mit über 500 Tonnen Gold von der spanischen Nationalbank bezahlen ließ).
Und die anderen großen, demokratisch regierten Staaten Europas? Die hielten sich abseits. Anfang August blockierte Frankreich die Grenze zu Spanien und verbot jede Waffenlieferung, auch an die Kräfte der spanischen Republik. Kurz darauf, im September, initiierte die damals einflussreiche Kolonialmacht Britannien eine internationale Konferenz, an der 27 Staaten teilnahmen, und untersagte jede Einmischung, also auch jede Unterstützung der breiten Allianz aus Sozialist:innen, Liberalen, Gewerkschaftsmitgliedern, Anarchist:innen, Trotzkisten und Kommunisten.
Frühe Erkenntnisse und viel Desinformation
Um was es beim Konflikt ging, sprach sich bald herum. «Der große Krieg kann nicht verhindert werden, wenn man den ‚kleinen‘ verloren gehen lässt», erläuterte beispielsweise Anfang Juli 1937 ein 24 Jahre altes Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) in einem Referat vor der SAP-Leitung: «Die kommende Weltentscheidung zwischen Faschismus und Sozialismus erlebt heute in Spanien eine Vorentscheidung.» Der Redner wusste, wovon er sprach: Er hatte Anfang 1937 im Büro der unorthodox-kommunistischen «Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit» (POUM) in Barcelona gearbeitet und für norwegische Zeitungen aus Spanien berichtet. Seine Name: Herbert Frahm. Seine Deckname, den er sich als Nazigegner zulegte und für den Rest seines Lebens beibehalten sollte: Willy Brandt.
Es waren jedoch nicht nur Einzelne, die das Thema beschäftigte, wie die Deutschland-Berichte der Sopade im April 1937 festhielten: «Am aufmerksamsten werden die Kämpfe in Spanien von den Gegnern des [Nazi-]Systems verfolgt. In den Betrieben kann man jeden Morgen sich gegenseitig von den Gesichtern ablesen, was in Spanien los ist. Geht es gut, dann herrscht gute Stimmung, geht es schlecht, dann ist auch die Stimmung der Arbeiter schlecht und bei vielen sogar deprimiert. Die Interessierten verlassen sich nicht etwa auf Meldungen der Zeitungen. Aus tausend Kanälen suchen sie sich über die wahre Lage zu unterrichten, vornehmlich durch den Rundfunk.» (Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, vierter Jahrgang, 1937, Seite 477).
Die Skepsis der Arbeiter:innen gegenüber öffentlichen Verlautbarungen überrascht nicht, wenn man nachliest, was beispielsweise das Konstanzer NS-Blatt Bodensee-Rundschau berichtete, in dem fast täglich Artikel über den Spanienkrieg erschienen. Unter der Überschrift «Die rote Blutbilanz des Jahres 1936» stand da beispielsweise in der Ausgabe vom 4. Januar 1937, die Verteidiger:innen der Republik hätten in den fünf Monaten seit Beginn des Konflikts allein in Madrid «50.000 Personen hingemordet», darunter auch Frauen und Kinder.
Eine in jeder Hinsicht absurde Behauptung., die leicht zu überprüfen war – jedenfalls für alle, die ausländische Sender einschalteten (was bis Mitte 1939 noch nicht verboten war): beispielsweise Radio Beromünster, BBC, Radio Moskau oder den ab Anfang 1937 aus Madrid sendenden antifaschistischen Deutschen Freiheitssender 29,8.
Machtverhältnisse und politische Konflikte
Die vielen Berichte mobilisierten zahlreiche Freiwillige, die sich auf verschiedenen Wegen nach Spanien begaben, weil es dort – da waren sich alle einig – um mehr ging als um das Schicksal einer Regierung und die Innenpolitik eines südeuropäischen Landes. Und so zogen im Laufe der Jahre 1936 bis 1938 bis zu 45.000 Kämpfer:innen und Hilfswillige aus mehr als fünfzig Ländern auf die iberische Halbinsel. Dort meldeten sie sich in den ersten Wochen besonders bei den anarchistischen Milizen, die aber kaum über Waffen verfügten. Später, ab Oktober 1936, ließen sie sich vor allem von den Internationalen Brigaden ausbilden und zogen auf Seiten der republikanischen Armee in den Kampf.
Unter den ausländischen Kämpfer:innen stammten rund 6500 aus Frankreich, 4000 bis 5000 aus Deutschland, 4000 aus Italien, 3000 aus den USA, ebenso viele aus Polen, 2000 aus dem britischen Königreich, 1400 aus Österreich, und 800 aus der Schweiz. Eine solche internationale Beteiligung Freiwilliger an einem kriegerischen Konflikt hatte es bis dahin nicht gegeben (und seither auch nicht wieder). Von den deutschen Freiwilligen kamen rund 800 auf den Schlachtfeldern um (die genaue Zahl ist nicht feststellbar); insgesamt verloren etwa 20.000 Brigadist:innen ihr Leben, darunter auch mindestens zwei aus der Region am westlichen Bodensee.
Die internationale Solidarität war beeindruckend – konnte aber schlussendlich nichts gegen die reaktionären Militärs ausrichten. Italien hatte insgesamt bis zu 80.000 Soldaten an die Seite von Francos Truppen geschickt. Rechnet man Zivilpersonal, Söldner und andere Freiwillige zusammen, kommen manche Schätzungen auf bis zu 30.000 Deutsche, die vom NS-Staat losgeschickt waren. Dazu kamen jede Menge Waffen sowie die Hilfe von Großunternehmen wie die IG Farben und Siemens.
Insgesamt starben in dem zweieinhalb Jahre dauernden Krieg über 400.000 Menschen, darunter schätzungsweise 200.000, die gezielt getötet, hingerichtet, gefoltert wurden. In der Anfangszeit – bis etwa Mai 1937 – traf es auch Mitglieder des katholischen Klerus, die als integraler Teil des Machtsystems von Anarchisten und der Landbevölkerung umgebracht wurden. Doch das waren nur wenige im Vergleich zu den schätzungsweise 100.000 Republikaner:innen, die hingemetzelt wurden. Selbst nach dem Krieg, der Anfang 1939 endete, wurden nochmals rund 115.000 derer, die sich für die Demokratie engagiert hatten, exekutiert. Noch heute, so schätzen Hinterbliebenenverbände, liegen die Gebeine von 140.000 Opfern franquistischer Gewalt irgendwo in Massengräbern verscharrt.
Auch für die Freiwilligen aus anderen Ländern war mit dem Sieg Francos das Leiden nicht vorbei. Viele der Zehntausenden, die über die Pyrenäen geflüchtet waren, landeten in Lagern und wurden, nachdem die Nazis Frankreich besetzt hatten, in KZs verschleppt und dort jahrelang festgehalten und/oder ermordet. Das erging auch Antifaschisten aus der Region so. Aber wer waren sie, die ihr Leben in einem Krieg riskierten, der im Laufe der Zeit immer aussichtsloser wurde? Was trieb sie an, was wurde aus ihnen?
II. Die Konstanzer Freiwilligen
Der Putsch der franquistischen Militärs und der nachfolgende Konflikt beschäftigte ab 1936 die Öffentlichkeit in einem Maße wie uns heute die aktuellen Kriege in der Ukraine, in den von Israel besetzten Gebieten, um den Iran und so manche andere. Es ging ja auch um viel: Auf der einen Seite reaktionäre Militärs, die mit Waffengewalt eine demokratisch gewählte Regierung stürzen wollten und dabei von faschistischen Mächten wie Deutschland und Italien unterstützt wurden. Auf der anderen eine schwache, intern zerstritte Volksfront, die vorsichtige Reformen eingeleitet hatte – und eine linke Massenbewegung, die eine Revolution von unten versuchte, Ländereien und Betriebe besetzte, Kooperativen aufbaute, gegen Kapital und Großgrundbesitz agierte.
Hier die Starken, dort die Schwachen: Das bewegte viele Menschen, die drei Jahre nach der Machtübergabe an die NSDAP auch am westlichen Bodensee ihre Erfahrungen mit dem Faschismus gemacht hatten – und das nicht länger hinnehmen wollten. Einer von ihnen war der Arbeiter Jakob Stoll, 1899 in der Schweiz geboren, wo er den Beruf des Stickers erlernte, von 1917 bis 1919 Soldat beim deutschen Heer, danach Heizer auf Dampfloks, Heirat in Konstanz, ab 1930 zuerst bei Stromeyer angestellt, danach in der Arboner Stickerei am Buhlenweg tätig – ein ganz normales Leben also, wie es damals viele beidseits der Grenze führten: Ausbildung, Militärdienst, mehrere Berufe, wechselnde Firmen, immer wieder Arbeitslosigkeit.
Doch manches war nicht ganz so normal. Jakob Stoll sass als überzeugter Linker und Antifaschist ab November 1930 für die KPD im Wollmatinger Gemeinderat, wurde – wohl aufgrund seiner politischen Haltung – am 30. Januar 1933, am Tag des Machtwechsels in Berlin, von der Arboner Stickerei entlassen und im März 1933 wegen Tätigkeit für die mittlerweile von den Nazis verbotenen KPD verhaftet (eine ausführliche Beschreibung seines Lebenslaufs findet sich in Uwe Brügmanns Beschreibung auf der Website der Konstanzer Stolpersteine). Stoll sass bis Ende 1933 in Haft, ließ sich durch die Repression aber nicht einschüchtern, schmuggelte illegale Schriften wie das von der KPD im Exil veröffentlichte«Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror» über die Grenze, wurde im Sommer 1934 erneut eingesperrt und danach zu Zwangsarbeit verpflichtet – bis ihm 1937 bei einem Arbeitseinsatz an der Grenze die Flucht gelang.
Gaul-Leiter und andere Arschlöcher
Auch der 1904 in Konstanz geborene Friedrich Held galt als «roter Hund» – allerdings innerhalb der Sozialdemokratie. Der gelernte Schlosser war schon früh dem Konstanzer Arbeiterturnverein «Bahn frei!» und der Sozialistischen Arbeiterjugend beigetreten, übernahm als SPD-Mitglied bald das elterliche Geschäft in der Niederburg und blieb zu Beginn der NS-Zeit von Repressalien verschont – bis er Mitte 1935 in «Schutzhaft» kam: Er hatte sich in Altstadtkneipen immer wieder als Linker zu erkennen gegeben, die «Internationale» rezitiert, den badischen NSDAP-Gauleiter Robert Wagner einen «Gaul-Leiter» genannt, «nach der nationalen Erhebung staatsfeindliche und kommunistische Äußerungen in Konstanz und Umgebung gebraucht» (wie die Staatsanwaltschaft monierte) und einmal – in Anwesenheit eines SS-Mannes – den schönen Satz gesagt: «Goebbels ist das größte Arschloch, das in Deutschland herumläuft». Danach setze er sich sicherheitshalber über die Grenze ab.
Friedrich Held war nicht der einzige, der wegen seiner Kneipensprüche auffiel. Stoll zum Beispiel wurde zur Last gelegt, dass er im Wollmatinger «Löwen» davon sprach, dass die SA «Schießsport» betreibe, «um später ihre Klassenbrüder zu ermorden». Und von Adolf Probst, wie Held 1904 geboren, ist bekannt, dass er – ebenfalls über die SA – gesagt haben soll: «Den Simpeln, die da marschieren, gehört mit einem Holzhammer auf den Schädel geschlagen, bis sie gescheit werden.»
Jedenfalls geriet der mittlerweile auf der Mainau und in Konstanz tätige Gärtner Probst unter dem Vorwurf der illegalen Betätigung für die KPD ins Visier der Gestapo. Es folgten im November 1934 eine Verurteilung durch das Amtsgericht Konstanz, danach erneute Festnahmen, Anfang 1936 Einlieferung ins nordbadische KZ Kieslau, Entlassung nach vier Monaten, anschließend Arbeit in der Ziegelei von Rickelshausen (bei Böhringen) – bis er im März 1937 verschwand. Er sei, so das Radolfzeller Einwohnermeldeamt, «unbekannt verzogen». Tatsächlich befand sich Probest mit seinem Freund Josef Stoll (nicht verwandt mit Jakob Stoll) auf dem Weg nach Spanien. Dass er den Behörden sein Ziel nicht mitteilte, verwundert nicht: Ab Februar 1937 galt das «Gesetz zur Verhinderung der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg», das allen pro-republikanischen Spanienfreiwilligen mit Gefängnis drohte.
Viel Unterstützung
Alle drei – Adolf Probst, Friedrich Held, Jakob Stoll – hatten bei ihrer Abreise bereits Familie, Partnerinnen und/oder Kinder, die sie – was sicherlich keine leichte Entscheidung war – zurückließen, alle waren monate-, teils jahrelang in Gefängnisse (auch dem von Konstanz) und Lagern eingesperrt gewesen.
Aber sie waren nicht die einzigen, die – zum Teil unterstützt vom Konstanzer Kommunisten, Schriftenschmuggler und «Rote Hilfe»-Aktivisten Alfons Beck sowie dem Kreuzlinger Kommunisten Karl König – über die Grenze nach Basel gelangten, wo ihnen Anlaufstellen der «Roten Hilfe» den weiteren Weg nach Paris wiesen.
Über die Grenze Richtung Spanien bewegten sich in jenen Jahren auch Louis Übrig, 1907 in St. Gallen geboren, und Emil Götschl, der 1920 in Konstanz auf die Welt gekommen und einer der jüngsten Spanienfreiwilligen überhaupt war. Beide nutzten wahrscheinlich die Unterstützung illegaler Anlaufstellen für «Freiwillige nach Rotspanien», die die KPD auch in Konstanz und Radolfzell eingerichtet hatte.
Louis Übrig, von Beruf Maler, hatte bei seiner Abreise 1936 bereits ein bewegtes Leben hinter sich, war in Dessau und Berlin gewesen, kehrte von dort in die Schweiz zurück, wo er der KP beitrat, gelangte nach Konstanz, geriet fünf Wochen in «Schutzhaft» und engagierte sich – wie Alfons Beck und andere Konstanzer Antifaschist:innen – beim Schriften- und Flüchtlingsschmuggel der «Transportkolonne Otto». Emil Götschl wiederum, Sohn eines Heizers beim Konstanzer Gaswerk, hatte 1934 eine Schlosserlehre begonnen, bevor er dem Aufruf folgte, in Spanien die Republik gegen die Reaktion zu verteidigen.
Vergebliche Versuche
Und es gab noch mehr aus Konstanz, die freiwillig in den Kampf zogen. Allein aus der Textilfabrik Herosé seien, so die Aussage von Zeitzeug:innen, drei Arbeiter dabei gewesen. Wer es war, ist leider nicht bekannt. Andere hingegen durften nicht. Josef Götschl zum Beispiel (Jahrgang 1914) hatte sich mit seinem Bruder Emil auf den Weg gemacht und war in Basel – wie alle anderen auch – nach Paris weitergeschickt worden: Wahrscheinlich mit dem Tram nach St. Louis und weiter über Mulhouse zum Gare de L’Est, in dessen Nähe sich das Büro der Internationalen Brigaden befand.
Dort wurden die Freiwilligen einer gesundheitlichen Überprüfung unterzogen, auch Josef Götschl. Weil er einen verkrüppelten Arm hatte, wurde er nicht aufgenommen. Er kehrte nach Konstanz zurück, wurde 1939 verhaftet (mutmaßlich wegen seiner Unterstützung für den spanischen Befreiungskampf), saß ein Jahr im Gefängnis von Konstanz und wurde danach erst ins KZ Dachau, danach ins KZ Sachsenhausen transportiert, wo ihn die Nazis Anfang 1941 ermordeten.
Auch Hermann Stoll, Bruder von Jakob Stoll, und Heinrich Haug sollen sich für den Einsatz in Spanien gemeldet haben. Warum aus ihren Vorhaben nichts wurde, ist leider nicht bekannt: Schließlich hielten sie – und viele andere – ihre (illegalen) Pläne notgedrungenermaßen geheim. Sollten sie tatsächlich in Spanien gewesen oder unterwegs aufgehalten worden sein? Das weiß man nicht. Über Handlungen, von denen die Behörden nichts erfuhren, gibt es nur selten schriftliche Überlieferungen. Daher kann die Forschung meist nur auf Anklageschriften, Haftbefehle, Urteile, Einlieferungsbescheide oder Todeslisten zurückgreifen.
III. Von Konstanz zum Hochrhein
«Das ist die einzige nützliche Sache, die es zur Zeit gibt», antwortete Carl Einstein, mit 51 Jahren einer der ältesten Spanienfreiwilligen aus Baden, als er gefragt wurde, weshalb er nach Spanien gegangen sei. Und weil er die Monotonie eines faschistischen Europa nicht aushalten wollte. «Ich bin gekommen, weil die Spanier das einzige Volk sind, das nicht erlaubt, dass es verkauft wird, obwohl alle Welt sich anstrengt, es zu verkaufen.» (Marianne Kröger: «,Jüdische Ethik’ und Anarchismus im Spanischen Bürgerkrieg», Seite 41).
Der in Karlsruhe in einer jüdischen Familie aufgewachsene Kunsthistoriker und Schriftsteller war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Er hatte – anders als viele Mitkämpfer:innen – studiert, trat früh der KPD bei, hielt bei der Trauerfeier für Rosa Luxemburg 1919 eine Rede, emigrierte 1928 nach Paris und sofort nach Francos Putsch weiter nach Spanien, wo er sich ab 19. Juli 1936 als Mitglied der anarcho-syndikalistischen Milizen der Confederación Nacional del Trabajo (CNT) der Reaktion widersetzte. Vor allem aber sind von ihm schriftliche Aussagen überliefert, in denen er seine Beweggründe darlegte.
«Ich habe in Spanien nichts weiter gesucht als die Möglichkeit, den Kameraden, der Freiheit und der menschlichen Würde zu dienen», schrieb er beispielsweise in einem Brief am Pablo Picasso. «Denn wenn wir nach alledem hier noch in Freiheit schreiben und malen können, dann ist dies – wortwörtlich – nur dem spanischen Widerstand zu danken.» Und weiter: «Wir müssen gegenüber diesen Leuten hier die größte Dankbarkeit empfinden und als Soldat verteidige ich gleichzeitig schlicht und einfach auch mich selbst; wenigstens schaue ich nicht mit gekreuzten Armen aus der Ferne nur zu.»
Carl Einstein kämpfte in der basisdemokratisch agierenden (anarchistischen) Colonna Durutti; keinem KP-Befehlshaber unterstellt zu sein, war ihm wichtig. Seine Frau Lyda war ebenfalls (als Krankenschwester) in der CNT aktiv. Zudem, so schildern es Brigitte und Gerhard Brändle in ihrer überaus lesenswerten Publikation «Spanienfreiwillige aus Baden (1936-39) – gegen Franco und die NS-Legion Condor», wies er in seiner 1938 publizierten Broschüre «Die deutsche Intervention in Spanien» die Beteiligung des Naziregimes nach.
Vor allem Facharbeiter und Gewerkschafter
Von den über 120 anderen badischen Spanienkämpfer:innen sind ähnliche Aussagen nicht dokumentiert – sie kamen ja auch aus anderen sozialen Verhältnissen. Rund zwei Drittel von ihnen, so die Recherchen von Brigitte und Gerhard Brändle, waren Facharbeiter, gehörten vor der Nazizeit einer Gewerkschaft an, hatten sich als Betriebsrät:innen engagiert und vorwiegend links gewählt. Die genaue politische Orientierung lässt sich nicht mehr bei allen ermitteln, aber vor der Machtübergabe an die NDSAP waren 76 – also über die Hälfte – Mitglied der KPD gewesen und 8 hatten das Parteibuch der SPD zu Hause liegen.
Und noch ein paar Angaben zur Zusammensetzung der Freiwilligen aus dem badischen Raum: Ihr Durchschnittsalter lag bei rund 31 Jahren – und zwei Drittel kamen aus Nordbaden. Aus dem (bis auf Singen) weniger industriell entwickelten Gebiet zwischen Bodensee und Hochrhein waren rund zwanzig Freiwillige dabei – wobei offen ist, wie viele es genau waren. Schließlich galt bereits ab Februar 1937 das «Gesetz zur Verhinderung der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg» – wer nach Spanien zog, meldete sich folglich nirgendwo ab.
Von daher bleibt auch heute noch vieles im Ungefähren. Hatten sich neben den fünf bekannten Freiwilligen aus Konstanz noch weitere Antifaschisten aus der Konzilstadt auf den Weg gemacht? Oder beispielsweise aus Radolfzell, wo es neben einem Auftritt von Adolf Hitler 1932 und der ab 1935 aufgebauten SS-Kaserne ja auch Großbetriebe wie Schiesser und Allweiler gab – es also auch widerspenstige Arbeiter:innen gegeben haben muss?
Ein Hinweis existiert immerhin, auf der Webseite der Stolpersteine Konstanz. Unter dem Eintrag für Adolf Probst ist da von einem Josef Stoll aus Radolfzell die Rede, der im Frühjahr 1937 mit seinem älteren Freund und Genossen Probst nach Spanien gereist war – und im September 1938 bei der Schlacht am Ebro ums Leben kam.
Wenig Informationen
Mehr ist leider nicht herauszufinden, jedenfalls nicht über eine schnelle journalistische Recherche. Das Stadtarchiv Radolfzell hat trotz Recherche keine näheren Informationen über lokale Spanienfreiwilligen finden können, unklar sieht es auch in Singen aus, also jener Stadt mit ihren drei Schweizer Großbetrieben, die vor 1933 einen weitaus höheren Anteil an KPD- und SPD-Wähler:innen hatte als Konstanz. Das Singener Stadtarchiv konnte genauso wenig weiterhelfen wie die vielen regionalhistorischen Untersuchungen und Recherchen zu Widerstand, Flucht und Fluchthilfe während der NS-Zeit: Der Spanienkrieg und seine Beteiligten aus der Region blieben (und bleiben) auch im Nachhinein im Schatten.
Ein paar Hinweise gibt es dennoch. So schrieb etwa Käte Weick in ihrem Buch «Widerstand und Verfolgung in Singen und Umgebung», dass ab 1937 Fluchthilfe «nochmal aktuell» wurde: «Da wurden eine Menge Leute für das Bataillon Thälmann im Spanienkrieg angeworben, und die mussten ja irgendwie illegal über die Grenze geschafft werden …» Sie zitiert im Buch Xaver Harlander, Sohn der Familie Harlander, die ihre Wohnung in der Singener Harsenstraße 36 als Anlaufstelle für politische Flüchtlinge zur Verfügung stellt hatte: «Auch Hans Beimler, der unter abenteuerlichen Umständen aus dem KZ Dachau geflohen war, übernachtete bei uns.»
Hans Beimler, Gründungsmitglied der KPD, Mitstreiter der Münchner Räterepublik und gegen Ende der Weimarer Republik Reichstagsabgeordneter, reiste Ende Juli, Anfang August 1936 nach seinem Grenzübertritt bei Singen weiter nach Barcelona, wo er den Aufbau der Internationalen Brigaden unterstützte und politischer Kommissar der deutschen Bataillone wurde. Anfang Dezember 1936 traf ihn in Madrid eine Kugel (wer sie abgefeuert hat, ist bis heute umstritten). Der Nachwelt in Erinnerung geblieben ist Beimler vor allem durch ein Lied von Ernst Busch.
Nur einer aus Singen?
Und doch bleibt die Frage: Zogen nicht mehr Menschen von Singen in den Spanienkrieg? Oder hatten sie Abreise und Rückkehr so geheim halten können, dass dies offiziell niemand registrierte?
Auf einen Fall sind die Historiker:innen immerhin gestoßen: Auf den des Feinmechanikers Anton Josef Mattes, 1907 in der Nähe von Tuttlingen geboren und ab 1933 bei den Singener Aluwerken beschäftigt. Das Mitglied des Kampfbunds gegen den Faschismus und der Roten Hilfe verteilte hier Flugblätter – und floh im April 1933 zuerst in die Schweiz, dann nach Frankreich und Belgien.
Im Juni 1937 landete Mattes wie so viele Spanienfreiwillige, die den Weg über die KP-Anlaufstelle in Paris gewählt hatten, westlich von Valencia in Albacete, dem Hauptquartier der Internationalen Brigaden. Eingesetzt wurde er zuerst als Kraftfahrer, dann als Mechaniker in einer Reparaturwerkstatt. Er überlebte den Krieg, aber nicht den Nationalsozialismus. Was ihm und den anderen Spanienfreiwilligen aus der Region passierte, steht im vierten Teil der Serie.
Zwei aus Tiengen
Dokumentiert ist auch das Engagement von zwei Freiwilligen vom Hochrhein: Josef Arzner und Fritz Birk aus Tiengen, heute ein Teil von Waldshut. Beide waren im industriellen Umfeld der Städte – das Schweizer Pharmaunternehmen Lonza in Waldshut, die Zigarrenfabrik des ebenfalls schweizerischen Tabakunternehmens Villiger in Tiengen – schon früh politisch aktiv gewesen.
Fritz Birk, 1894 im nordbadischen Ettlingen geboren, war zuerst Mitglied der SPD gewesen, wechselte dann wohl auch aufgrund seiner Erfahrungen während des Kapp-Putschs 1920 (dem er sich widersetzt hatte) zur KPD und gründete in Tiengen 1923 die dortige KPD-Ortsgruppe. Im März 1933 wurde der verheiratete Schlosser und Vater von zwei Kindern in «Schutzhaft» genommen und floh danach in die Schweiz, wo er sich am Schmuggel illegaler Schriften wie die Rote-Hilfe-Zeitung «Tribunal» nach Nazi-Deutschland beteiligte und Flüchtlingen über die Grenze half.
Wohl auch deswegen entzog ihm die Bundesanwaltschaft in der Schweiz die Anerkennung als politischer Flüchtling, so die Darstellung in der Publikation «Adelanto Libertad» von Brigitte und Gerhard Brändle; zudem verlor er «wegen kommunistischer Agitation» die deutsche Staatsbürgerschaft. Also reiste er 1936 nach Spanien.
Dort war etwa zur selben Zeit, also in der zweiten Hälfte des Jahres 1936, auch Josef Arzner angekommen. Den 1897 in Todtmoos (Südschwarzwald) geborenen Schlosser bei Lonza, Vater von drei Kindern und Mitglied des Metallarbeiterverbands, hatten die Tienger:innen bereits 1924 als KPD-Mitglied in den achtköpfigen Gemeinderat gewählt. Als Redner, so erinnerte er sich später, «vertrat ich die Interessen der Partei und hatte somit mehr als genug Gelegenheit, auf die Gefahr hinzuweisen, welche der Nazismus für die Menschheit bedeutete, und als Antifaschist bekannt zu werden.» Kaum an der Macht, sperrten ihn die Nazis ohne Anklage und Verfahren ein. Nach seiner Freilassung sollte er wieder verhaftet werden, ging in die Schweiz und von dort aus weiter nach Spanien. Auch er verlor die deutsche Staatsbürgerschaft – da er «deutsche Belange geschädigt» habe, wie der Deutsche Staatsanzeiger im April 1937 bekannt gab.
Der Krieg im Krieg
Ob Arzner und Birk wie die anderen Spanienkämpfer:innen aus der Region den Weg über Paris nahmen, ist nicht bekannt. Aber auch sie landeten bei den Internationalen Brigaden, die Anfang Oktober 1936 entstanden waren und – bald ausgestattet mit Waffen und Munition aus Stalins Sowjetunion – den Einsatz der internationalen Freiwilligen dominierten. Sehr wahrscheinlich bekamen sie nicht mit, wie sehr die republikanische Seite im Konflikt gespalten war: Hier die liberal-bürgerlich-republikanischen Kräfte, da die Millionen CNT-Mitglieder, die in Katalonien, Aragonien, Asturien und auch Valencia die Vergesellschaftung der Produktionsmittel umzusetzen begannen, dort die kommunistische Linke.
Denn worum ging es überhaupt? Befanden sich die Anti-Franquist:innen in einem Klassenkampf, wie die antistalinistische Partei Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) und die Anarchist:innen meinten? Oder sollte im Vorfeld eines drohenden Kriegs mit Nazi-Deutschland die mögliche Allianz mit Frankreich und Großbritannien nicht gefährdet werden, wie die KP es sah – und daher nach Anweisungen aus Moskau an der bürgerlichen Volksfront festhielt? Während die einen die Revolution versuchten, die vielen Fabrik- und Landbesetzungen unterstützten, ein Sozialsystem einführten, sich um die Gleichstellung der Geschlechter bemühten und die Landbevölkerung zu alphabetisieren begannen, beharrten die Kommunisten auf dem Schulterschluss mit dem Bürgertum – bis hin zu ihrer Attacke Anfang März 1937 auf das anarchosyndikalistische Hauptquartier in Barcelona, die mehrere Hundert Menschenleben forderte sowie das Ende der CNT-Milizen und des spanischen Anarchismus einleitete.
Mit dem innerrepublikanischen Konflikt endete eine soziale Revolution, wie es sie bis dahin nicht gegeben hatte – und seither auch nicht wieder. Die konterrevolutionären Kommunisten gingen zum Teil mit Waffen gegen die anarchistischen Kollektive vor, verweigerten den CNT- und POUM-Milizen an der Aragon-Front mögliche Hilfe und übernahmen bald alle wichtigen Positionen.
Bitteres Ende
Auch wenn er nicht mit allen Entscheidungen der CNT einverstanden war, blieb der Kommunist Carl Einstein bei der Kolonne Durruti, der sieben weitere Spanienfreiwillige aus Baden angehörten (drei waren – wie George Orwell – in Einheiten der POUM aktiv, zwei bei der Sozialistischen Arbeiterpartei). Einstein kämpfte auch weiter, als die Kolonne Durruti im Zuge einer Umstrukturierung in der spanischen Armee (der Republik) aufging – bis er 1938 schwer verletzt wurde.
Hatte sich der Einsatz gelohnt? Für ihn schon. «Sie können gar nicht wissen, wie glücklich ich bin, zusammen mit Ihren Landsleuten gekämpft zu haben», schrieb Carl Einstein im Januar 1939, kurz vor der endgültigen Niederlage der Republik, an Picasso. «Das ist vielleicht die schönste Erinnerung meines Lebens.» Eines Lebens, das nicht mehr lange dauern sollte: Er floh im Februar 1939 wie Zigtausende von Barcelona über die Grenze nach Frankreich, wurde dort interniert, kam kurz frei und wurde wieder eingesperrt (diesmal als «feindlicher Deutscher»). Nachdem er fliehen konnte (oder entlassen wurde), entschied er sich – ohne Pass, ohne Perspektive, ohne Hoffnung nach dem Sieg von Nazideutschland über Frankreich – im Juli 1940 für den letzten alle Auswege. Und brachte sich um.
Aber wie erging es den Freiwilligen aus der Region, was erlebten sie in Spanien und danach?
IV: Vor dem nächsten Krieg
Nicht alle waren von Anfang an bis zum Schluss des Kriegs in Spanien gewesen wie der Nordbadener Carl Einstein (siehe letzter Teil). Fritz Birk und Josef Arzner, die beiden KPD-Mitglieder aus Tiengen, hatten bereits 1936 das Hauptquartier der Internationalen Brigaden in Albacete erreicht, ebenso (im Dezember) Louis Übrig und Friedrich Held aus Konstanz. Die anderen – die Konstanzer Adolf Probst, Jakob Stoll und Emil Götschl sowie Anon Mattes aus Singen – erreichten die Front zwischen Mai und September 1937. Wann Josef Stoll (Radolfzell) dort eintraf, ist aufgrund der dürftigen Faktenlage nicht feststellbar.
Fast alle dienten im Bataillon Thälmann oder im im ebenfalls deutsch-sprachigen Bataillon Edgar André der XI. Internationalen Brigade, kämpften an verschiedenen Fronten – unter anderen an der am Jarama (Übrig), in den Schlachten von Teruel (Birk), von Belchite (Probst) oder am Ebro (Götschl und Josef Stoll) –, wurden bei den Auseinandersetzungen zum Teil schwer verletzt (Probst, Übrig), kamen in Gemetzeln um (wie Götschl und Josef Stoll im Herbst 1938 am Ebro) oder waren als Kraftfahrer (Mattes) oder Motorradfahrer (Held) unterwegs gewesen.
Innerhalb der von der KP kontrollierten Brigaden herrschte – anders als bei den anfangs so wichtigen, eher basisdemokratisch organisierten anarchistischen Milizen – eine eiserne Disziplin. Der kommunistische Geheimdienst überprüfte die Handlungen und Einstellungen der Freiwilligen; Kommandeure begutachteten regelmässig die Interbrigadisten, die stets zu gehorchen hatten; es gab für «Unzuverlässige» auch Gefängnisse und Strafbataillons. Das hielten nicht alle aus.
«Unzuverlässige» Elemente
So wurde der kriegsunerfahrene Friedrich Held im Herbst 1937 wegen möglicher Fluchtabsichten ins Campo Lukacz bei Albacete eingewiesen, wo er als «schlechter Soldat und verdächtiges unzuverlässiges Element» (so die «Spionageabwehr» der Internationalen Brigaden) Befestigungsarbeiten verrichten musste – er soll zuvor, nach einer Verletzung, zweimal versucht haben, zu desertieren. Ob er im Sommer 1938 ausgewiesen wurde, aus gesundheitlichen Gründen abreisen durfte oder floh, ist nicht bekannt. Jedenfalls befand er sich in Paris, als Deutschland Frankreich überfiel.
Auch Louis Übrig soll sich, so wurde ihm vorgeworfen, abgesetzt und zur Mittelmeerküste durchgeschlagen haben (er selber hingegen berichtete, dass er von Faschisten festgenommen worden sei und fliehen konnte). Fakt ist, dass er im August 1938 nach sechs Tagen auf See in einem Fischerboot in Marseille ankam. Danach, so heißt es auf seiner Stolperstein-Seite, reiste er zu seiner Mutter nach St. Gallen – und wird Ende 1939 bei einem illegalen Grenzübertritt von Kreuzlingen nach Konstanz verhaftet, ins KZ Dachau überstellt, von wo er floh. Erneut wurde er an einer Grenze (diesmal an der zwischen Vorarlberg und der Schweiz) festgenommen, zurück nach Dachau gebracht und dort erschossen.
Der Druck, dem Held und Übrig in Spanien ausgesetzt waren, traf auch andere. Die ständigen Attacken der mitunter erdrückenden faschistischen Übermacht, die Flächenbombardements der Nazis, das oft bestialische Vorgehen der Putschisten gegen die Zivilbevölkerung, die vielen Gefallenen – dazu das in den Brigaden (und teilweise auch in den Milizen) herrschende straffe Regime, die erzwungene Unterordnung, die barschen Befehle, mitunter auch Konflikte zwischen den verschiedensprachigen Freiwilligen: Zahlreiche Berichte (wie das «Spanische Kriegstagebuch» von Alfred Kantorowicz) erinnern daran, wie hart der Kampf war. Und wie gnadenlos manchmal der Umgang miteinander. Der 17-jährige Emil Götschl zum Beispiel, so das Urteil eines KP-Kommissars, sei «unorganisiert und unqualifiziert gewesen».
Von Spanien ins KZ
Es brauchte viel Überzeugung und Entschlossenheit, um all das durchzuhalten. Und unendlich viel Mut. Für den und seine «militärischen Fähigkeiten» wurde Jakob Stoll zum Unteroffizier befördert – einen Rang, den auch Adolf Probst bis zu seiner Verletzung in der Schlacht von Belchite inne hatte. Auch Durchhaltevermögen war vonnöten – vor allem gegen Ende des Konflikts und nach Kriegsende. Denn angesichts der ungleichen Kräfteverhältnisse konnte die republikanische Seite nicht gewinnen. Auf Anweisung der republikanischen Regierung lösten sich die Internationalen Brigaden im Oktober 1938 auf, im Frühjahr 1939 flohen die letzten Brigadist:innen mit Hunderttausenden Zivilist:innen nach Frankreich, darunter auch Josef Arzner, Anton Mattes, Jakob Stoll, Fritz Birk und Adolf Probst. Sie alle landeten sofort nach Grenzübertritt (oder nach Deutschlands Sieg über Frankreich) in Lagern. Probst wurde in den Lagern Argèles-sur-Mer und St. Cyprien und später in Gurs interniert – jenem Lager, in das im Oktober 1940 die Nazis 6600 Jüd:innen aus Baden verschleppten; es war die erste planmässige Deportation von jüdischen Deutschen (viele von ihnen wurden später nach Auschwitz transportiert und dort ermordet).
Ins KZ Gurs kamen nach Umwegen über andere Lager auch Stoll, Held und Arzner, wo sie (wie viele Spanienfreiwillige in anderen Lagern) Zwangsarbeit leisten mussten – bis die NS-Wehrmacht im November 1942 die vom Vichy-Regime verwaltete Südzone Frankreichs übernahm. Von dort aus ging es für die Freiwilligen aus der Region zurück ins Reich und damit in von den Nazis direkt kontrollierte KZs.
Birk wurde nach einem Hochverratsprozess in Dachau und Flossenbürg eingesperrt. Held wurden nach einem Prozess vor dem Volksgerichtshof Ende 1943 ins KZ Sachsenhausen überstellt. Probst landete – nach einem Verfahren vor dem Oberlandesgericht Stuttgart – in Dachau. Dort sass bereits ab 1941 Stoll, bevor er zur Zwangsarbeit nach Oberraderach (bei Friedrichshafen) und später in den KZs Mittelbau-Dora und Mauthausen verschleppt wurde. Sie alle überlebten die Nazizeit, wurden befreit oder konnten flüchten. Anton Mattes hingegen war bereits Anfang 1942 vom Oberlandesgericht in Stuttgart zum Tode verurteilt und geköpft worden.
Von den neun Spanienfreiwilligen aus dem westlichen Teil des Bodensees und vom Hochrhein, deren Biographien (zum Teil nur rudimentär) recherchiert werden konnten, sind zwei in Spanien gefallen (Josef Stoll und Emil Götschl), zwei wurden hingerichtet (Louis Übrig und Anton Mattes) und fünf kamen mit dem Leben davon. An sie erinnern mittlerweile Stolpersteine in Tiengen und Konstanz – nur an den Singener Alu-Arbeiter Mattes und den Radolfzeller Josef Stoll nicht.
Ehre den Faschisten …
Nach Kriegsende, Befreiung und Gründung der BRD schafften es einige, wieder Fuss zu fassen – unter zum Teil armseligen Bedingungen. Denn eine Entschädigung für die vielen Jahre Lager oder Haft wurde nur wenigen zugestanden, manche erhielten nicht einmal eine Rente. So bekam der mittellose, von der Zwangsarbeit gesundheitlich schwer angeschlagene Friedrich Held nach vielen Appellen erst nach Jahren einen Rentenbescheid über 100 D-Mark zugesandt – an seinem Todestag im Januar 1957.
Anderen erging es etwas besser: Sie fanden ins bürgerliche Leben zurück – und behielten ihre politischen Überzeugungen bei. Fritz Birk wurde nach seiner Rückkehr nach Tiengen Kreisvorsitzender der VVN. Josef Arzner, der 1948 fast Bürgermeister geworden wäre, wählten die Tienger:innen 1952 erneut für die KPD in den Gemeinderat. Adolf Probst machte sich nach Kriegsende in Dillingen an der Donau selbständig und begleitete in den 1950er Jahren Schüler:innen bei Gedenkfahrten ins KZ Dachau. Und Jakob Stoll übernahm wieder öffentliche Ämter: Er beteiligte sich aktiv an der Neugründung der KPD in Konstanz, wurde 1946 mit Johanna Hemm für die KPD in der Gemeinderat gewählt, war bis 1949 Geschäftsführer der städtischen Betreuungsstelle der Nazi-Opfer und betrieb in den 1950er Jahren mit seiner Frau ein Restaurant und Café in der Fürstenbergstraße (den heutigen «Kolbenfresser»).
Die Spanienkämpfer von der anderen Seite, die in der Legion Condor an zahlreichen Kriegsverbrechen (darunter die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica) beteiligt waren, wurden ganz anders begrüßt. Nach ihrer Rückkehr bereitete die NSDAP-Führung den Legionären zuerst in Hamburg, dann in Berlin einen großartigen Empfang: Die Straßen waren geschmückt, Kinder hatten schulfrei, Zigtausende standen am 6. Juni 1939 Spalier und Adolf Hitler pries ihren «Kampf für Deutschland», der «eine Lehre für unsere Gegner» sei. Der Führer dankte auch den Gefallenen: «ihr Tod und ihr Leib wird unzähligen anderen Deutschen in der Zukunft das Leben schenken». Noch am selben Tag wurde die Wannsee-Straße in «Spanische Allee» umbenannt (die lange Straße in Berlin-Nikolassee trägt heute noch zu Ehren der Legion Condor diesen Namen). Und knapp drei Monate später begann der Zweite Weltkrieg.
… Haft und Missachtung für die Linken
In der Nachkriegszeit begann für manche der faschistischen Franco-Freunde eine neue Karriere: Sie halfen beim Aufbau der Bundeswehr, einige schafften es bis zum Brigadegeneral, zum Generalleutnant, sogar zum Generalinspekteur der Bundeswehr. Dass die Franco-Diktatur nach ihrem Sieg Hunderttausende tötete, kümmerte sie genauso wenig wie die Adenauer-Regierung, die Minister und Staatssekretäre nach Madrid schickte, um die guten Beziehungen zu pflegen. Dorthin reisten auch gerne CEOs deutscher Großunternehmen – darunter auch Hermann Josef Abs, der an Arisierungen beteiligte Chef der Deutschen Bank. Er ließ sich, so Brigitte und Gerhard Brändle in ihrer Studie «Adelanto Libertad – Spanienfreiwillige aus Baden 1936–1939», am 18. Juli 1960, dem Jahrestag des Putsches – von Franco einen Orden überreichen.
Anders erging es jenen Freiwilligen zur Verteidigung der spanischen Republik, die sich nicht in der DDR niedergelassen hatten. Schon vor dem KPD-Verbot im August 1956 waren Kommunist:innen im Bundesentschädigungsgesetz 1956 (§ 6, Abs.1 Nr. 2) von einer Wiedergutmachung ausgeschlossen worden. Sie galten als Feinde der «freiheitlich-demokratischen Grundordnung». Ihre Teilnahme am Spanienkrieg und eventuell daraus folgende Gesundheitsschäden hätten, so argumentierten die Wiedergutmachungsämter, nichts mit «nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen des Reiches» zu tun. Als «verfolgungsbedingt» anerkannt wurden nur die Zeiten in Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern in Nazi-Deutschland.
Als dann auch noch 1969 das damalige Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung den Rentenantrag eines Spanienfreiwilligen mit der Begründung ablehnte, der Einsatz der Legion Condor habe mit den Zielen der Wehrmacht übereingestimmt, der der Interbrigadisten jedoch nicht, brach ein Proteststurm los. Daraufhin revidierte die BRD-Regierung unter Willy Brandt 1972 das Bundesversorgungsgesetz – und stellte die Spanienfreiwilligen mit den Condor-Legionären gleich. Aber da lebten schon viele Spanienkämpfer nicht mehr.
«Die Niederlage der Republik und der Triumph des Faschismus in Europa waren das Signal für Hitler, Polen zu überfallen und damit den Weltkrieg zu entfesseln», schrieb Arno Lustiger in seinem Buch «Schalom libertad! Juden im spanischen Bürgerkrieg». Der Mord an sechs Millionen Jüd:innen sei «eine direkte Folge der unsäglichen Dummheit und Ängstlichkeit der westlichen Politiker» gewesen, «die Spanien den Faschisten durch ihre Nichteinmischungs- und Beschwichtigungspolitik ausgeliefert hatten.»
Und weiter:«Die spanische Republik hat den Krieg mit den tragischen Konsequenzen für Millionen ihrer Bürger nicht zuletzt deshalb verloren, weil ihre natürlichen potenziellen Verbündeten, die westlichen Demokratien, sie nicht nur im Stich ließen, sondern auch die Hilfe von anderswo politisch und technisch behinderten.»
Viele hatten damals weggeschaut. Aber ein paar Tausend Antifaschist:innen nicht – darunter auch einige von hier.
Dieser Betrag erschien auch in vier Teilen im regionalen Online-Magazin seemoz.
Regionale Quellen:
● Die Einträge des Historikers Uwe Brügmann auf der Seite der Stolpersteine Konstanz.
● Brigitte und Gerhard Brändle: «Adelanto Libertad – Spanienfreiwillige aus Baden 1936–1939»
Mehr Informationen zum Spanischen Krieg
Videos/Filme:
● Eine gute Einführung bietet die zweiteilige Arte-Doku zum Krieg und die Zeit danach
● Den wahrscheinlich besten Spielfilm zum Thema hat der britische Regisseur Ken Loach gedreht, der die Geschichte eines Liverpooler Freiwilligen erzählt: «Land and Freedom» (engl. Originalfassung)
● 3sat: «Wie sich die Jugend schleichend radikalisiert», ab Minute 22 zum Spanienkrieg
Über den Krieg gibt es viele lesenswerte Bücher. Hervorzuheben sind:
● George Orwell: «Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg». 1938
● Erich Hackl (Hg.): «Soweit uns Spaniens Hoffnung trug», mit vielen Augenzeugenberichten. Rotpunktverlag, Zürich 2016
● Hans Magnus Enzensberger: «Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod», Suhrkamp 1977
● Walter L. Bernecker: «Anarchismus und Bürgerkrieg. Zur Geschichte der Sozialen Revolution in Spanien 1936-1939». Verlag Graswurzelrevolution 2006
● Marianne Kröger: «,Jüdische Ethik’ und Anarchismus im Spanischen Bürgerkrieg», Peter Lang Verlag 2006
● Alfred Kantorowicz: «Spanisches Kriegstagebuch», Fischer 1982
● Arno Lustiger: «Schalom Libertad!! Juden im Spanischen Bürgerkrieg», Athenäum Verlag 1989
● Patrik v. zur Mühlen: «Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939», Dietz, 1985
Websiten:
● Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939 e.V.