Indien: Die Gentech-Aubergine

Die Katastrophe auf dem Teller

21. Januar 2010 | Die Genehmigung für den Anbau einer gentechnisch veränderten Aubergine könnte erst der Anfang sein für tief greifende Veränderungen in der Landwirtschaft – mit verheerenden Folgen für Mensch und Tier.

Text: Joseph Keve, Bombay, Übersetzung: pw

Seit Tausenden von Jahren wird in Indien die Aubergine, auch Brinjal oder Baigan genannt, angebaut. Sie ist eine der beliebtesten Gemüsepflanzen der Region und gehört in Süd- und Südostasien zu den Grundnahrungsmitteln der ländlichen Bevölkerung. In Indien beträgt die Anbaufläche über eine halbe Million Hektar, das entspricht etwa einem Achtel der Fläche der Schweiz. Jährlich werden rund 8,5 Millionen Tonnen Auberginen geerntet. Über fünf Millionen Familien in Indien haben dank des Anbaus ein Zusatzeinkommen. Das Nationale Büro für Pflanzengenetische Ressourcen in Delhi hat 2500 Varianten der Pflanze zusammengetragen und konserviert.

Diese Vielfalt ist nun in Gefahr. Mitte Oktober gab das von der indischen Regierung eingesetzte Gentechnik-Zulassungsgremium (GEAC) den Anbau von gentechnisch veränderten (GVO) Bt-Auberginen (Bt. Brinjal) frei. Bei der Zucht von Bt-Auberginen wird ein Gen des Bakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) in die DNA der Pflanze eingefügt. Dadurch produziere die Pflanze natürliche Pestizide und werde gegen Schädlinge resistent, argumentierte das Gremium (vgl. nebenstehenden Kasten).

Die Entscheidung des GEAC ebnet in Indien nun den Weg für die Zulassung weiterer GVO-Pflanzen. Dutzende nationale und internationale Agrarkonzerne warten hinter den Kulissen bereits mit weiteren Plänen für GVO-Kulturpflanzen wie Reis, Mais, Sojabohnen, Hirse oder gar Kräuter.

Die Bt-Aubergine wurde von der Saatgutfirma Mahyco entwickelt, der indischen Partnerfirma des US-Agrarmultis Monsanto. Zur kommerziellen Produktion fehlt Mahyco nur noch die Bewilligung des Umweltministeriums. «Zwar hat sich Umweltminister Jairam Ramesh noch im Sommer öffentlich gegen GVO-Pflanzen ausgesprochen», sagt Anita Ghure, Biologin an der Universität von Bombay. «Doch nun will er erst den Bericht der GEAC studieren, bevor er sich Anfang 2010 entscheidet.» Das Tempo, mit dem das Gremium die Zulassung der Bt-Aubergine genehmigte, zeige, dass hinter den Kulissen mächtige Interessen lobbyierten. «Der Minister wird vermutlich nachgeben und die Zulassung genehmigen.»

Pollenflug bis 115 Kilometer

Die US-Behörde für Internationale Entwicklung (USAID) unterstützte den Technologietransfer für die Herstellung von Bt-Auberginen in Asien durch ein Hilfsprojekt für landwirtschaftliche Biotechnologie unter der Leitung der US-Universität Cornell. USAID förderte in diesem Rahmen drei Institutionen in Indien, zwei in Bangladesch und eines auf den Philippinen, die alle mit fremdbestäubenden Bt-Auberginensorten aus der jeweiligen Region experimentieren. Bei fremdbestäubenden Pflanzen wird der Pollen von Insekten oder dem Wind übertragen, was zu einer grösseren genetischen Bandbreite führt. Laut einer Studie der kanadischen Universität von Manitoba können Pollen bis zu drei Stunden in der Luft bleiben und in dieser Zeit bis zu 115 Kilometer weit fliegen. In heissen Klimazonen wie in Indien sogar noch weiter. Viele ExpertInnen haben bereits ihre Bedenken gegenüber diesen Experimenten geäussert. Sie befürchten, dass der Pollen der Bt-Aubergine bereits die traditionellen Auberginensorten, die im Umfeld der Experimentierfelder angebaut werden, verseucht haben.

In der Vergangenheit hat Mahyco immer wieder JournalistInnen aus dem ganzen Land eingeladen. Deren Berichte lesen sich dann entsprechend: «Die Kosten-Nutzen-Rechnung der Experten von Mahyco und von zwei Universitäten sowie die von ihnen zur Verfügung gestellten Daten zeigen deutlich, dass der Einsatz der Bt-Aubergine einen bedeutenden Zuwachs des Ertrags zur Folge hat», stand beispielsweise in der Tageszeitung «Financial Express». Und weiter: «Dadurch wird langfristig das Einkommen der Bauern steigen, ohne dass Mehrkosten für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung entstehen oder eine Änderung der Anbaumethoden notwendig wird.»

Ob diese Aussagen stimmen, ist jedoch kaum überprüfbar. Bereits im Februar 2008 forderte Greenpeace Indien vom Prüfungskomitee für Gentechnik (RCGM), dass es seine Forschungsdaten über giftige und allergiefördernde Bestandteile von vier untersuchten GVO-Pflanzen veröffentlichen solle. Das indische Departement für Biotechnologie (DBT), das das RCGM beaufsichtigt, weigert sich jedoch standhaft, diese gut gehüteten Geheimnisse öffentlich zu machen, und begründet dies mit den Interessen der nationalen Sicherheit.

Daraufhin ordnete die Nationale Informationskommission (CIC) Mitte April 2009 an, dass das Ministerium die Daten preisgeben muss. Die Argumente, mit denen die Informationsverweigerung begründet wurde, seien nicht stichhaltig, erklärte die Kommission. Auch dem GEAC wurden im April 2009 vom Obersten Gerichtshof Indiens verschiedene Auflagen verordnet. Das Gremium müsse

– das giftige und allergiefördernde Potenzial der zu prüfenden GVO-Pflanze berücksichtigen;

– die Möglichkeiten einer Abgrenzung der Experimentierfelder zu Feldern, auf denen reguläre Pflanzen angebaut werden, untersuchen, damit eine Verseuchung verhindert wird;

– die wichtigen Daten der Experimente im Internet veröffentlichen, damit unabhängige ExpertInnen diese überprüfen können.

Bis heute jedoch ist die GEAC diesen Verpflichtungen nicht nachgekommen.

Empörte Bundesstaaten

«Die Art und Weise, wie die indische Regierung mit der Ernährungs- und Gesundheitssicherheit von über einer Milliarde Menschen spielt, ist kein Vorbild für andere Nationen», sagt die Biologin Ghure. So hat die Regierung aufgrund eines Parlamentsentscheids die Behörde für Sicherheit und Standards von Lebensmitteln (FSSAI) eingesetzt. Diese unabhängige Instanz sollte aus «unabhängigen Wissenschaftlern und Experten» bestehen. Eine der Aufgaben dieser neuen Behörde - so das Parlament – wäre die Anhörung nicht nur der Industrie, sondern auch der KonsumentInnenverbände. Entsprechend hoch waren die Erwartungen vieler Verbände und Nichtregierungsorganisationen (NGOs); nun sei die Lebensmittelsicherheit gewährleistet, hofften sie.

«Leider ist es anders gekommen», sagt Ghure. Die Liste der wissenschaftlichen Expertinnen des FSSAI lese sich wie das Who's who der nationalen und internationalen Lebensmittelindustrie – mit Vertretern von Pepsi, Coca-Cola, Hindustan Unilever, Glaxo Smith Kline Healthcare, Marico, ITC und Nestlé. «Jetzt kontrollieren jene, die eigentlich überprüft werden sollten», sagt auch Sailendra Nath Ghosh, einer der führenden Umweltschützer in Indien. Durch die falsche Besetzung solcher Gremien wie des GEAC oder der FSSAI führe die Regierung von Premierminister Manmohan Singh das Land in die Katastrophe. Bisher haben nur die Bundesstaaten Kerala und Orissa ablehnend auf die Zulassung der Bt-Aubergine reagiert. Keralas Chefminister V.S. Achuthanandan schickte nach dem Entscheid der GEAC sofort ein Fax an den Premierminister, in dem er die «katastrophalen Konsequenzen der Freigabe» kritisierte und ein sofortiges landesweites Moratorium für genetisch veränderte Nutzpflanzen forderte. Auch Keralas Landwirtschaftsminister Mullakkara Ratnakaran verurteilte die Zulassung und rief die Landwirtschafts- und UmweltministerInnen der anderen Bundesstaaten auf, eine Überprüfung der GEAC-Entscheidung zu fordern. Das links regierte Kerala verfügt bereits über ein Gesetz, das Forschung und Anbau von GVO-Pflanzen verbietet. Die Regierung des Bundesstaates Orissa folgte dem Beispiel von Kerala und warnte die Zentralregierung davor, auf ihrem Gebiet den kommerziellen Anbau der Bt-Aubergine staatlich durchsetzen zu wollen. «Die Bt-Aubergine schadet den Interessen unserer Bauern», sagte Orissas Landwirtschaftsminister Damodar Rout. Der Bundesstaat zähle über hundert lokale Auberginensorten, die durch die Einführung der Bt-Aubergine gefährdet wären. Die Regierung des Bundesstaats hat sich genauso klar gegen GVO-Baumwolle ausgesprochen.

Und auch im Bundesstaat Tamil Nadu regt sich erster Widerstand gegen die Entscheidung des GEAC. So sagte S. Ramadoss, Gründer und Präsident der sozialdemokratisch orientierten Partei Pattali Makkal Katchi: «In der EU ist gentechnisch verändertes Gemüse verboten. Weshalb also soll es Indien aufgezwungen werden?» Langfristig führe dies nur zu einem Monopol von privaten Saatgutkonzernen.

Unter einer Decke

Seit der Zulassung der Bt-Aubergine durch das GEAC wird das Umweltministerium mit Briefen, Faxen und E-Mails überschwemmt. Alle fordern, dass das Ministerium sofort eingreift und die Zulassung rückgängig macht. «Die Zulassung ist eine Katastrophe und unethisch», sagt beispielsweise der angesehene Wissenschaftler Pushpa Bhargava, Gründer und Direktor des Indischen Zentrums für Molekulare Biologie und Leiter einer Kommission, die vom Obersten Gericht eingesetzt wurde, um die Angelegenheiten des GEAC zu überprüfen. «Ich frage mich, warum unserer Kommission keine Zeit gelassen wurde, die Forschungsergebnisse zu begutachten.» Auf seinen Vorschlag, alle InteressenvertreterInnen zusammenzubringen und gemeinsam eine wissenschaftlich fundierte Entscheidung zu treffen, sei die GEAC nicht eingegangen.

Umweltschützerinnen und Experten für Lebensmittelsicherheit werfen den GEAC-Mitgliedern – meist ehemalige BeamtInnen – vor, mit der Industrielobby unter einer Decke zu stecken. «Die Behörden müssten bei der Freigabe einer solchen Pflanze extrem vorsichtig sein», sagt Sunita Narain, Direktorin des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Delhi. «Es gibt in Indien keine Vorschriften, nach denen GVO-Lebensmittel gekennzeichnet sein müssen, damit der Konsument die Wahl hat.»

Für ein paar Dollar mehr

Einige der Argumente, mit denen in Indien die Gentechnik einer breiten Öffentlichkeit schmackhaft gemacht werden sollen, erinnern an die Grüne Revolution. Bei dieser Entwicklung, die Ende der fünfziger Jahre begann, wurden vor allem in den Entwicklungsländern neue Pflanzensorten eingeführt, die höhere Erträge liefern und Dünger besser verwerten sollten. «Bei der Grünen Revolution ging die Gefahr vor allem von übereifrigen Wissenschaftlern und Institutionen aus, die Indiens landwirtschaftliche Produktivität steigern wollten», sagt die Biologin Anita Ghure. Doch heute gehe es nur noch um Geld. «Die profitgierigen Biotechgiganten, die für ein paar Dollar alles tun, sind die wahre Bedrohung.»

Die grossen Lebensmittelkonzerne stecken Milliarden Rupien in die Werbung. Ihre Botschaft: Die Gentechrevolution sei die Lösung für den Hunger der Nation. «Gentechkonzerne wie Monsanto, Novartis, Du Pont und andere sind inzwischen so mächtig, dass sie stets eine Genehmigung für ihre GVO-Experimente erhalten», schrieb Umweltschützer Sailendra Nath Ghosh im kritischen Magazin «Mainstream Weekly». Als Folge des starken und wachsenden Widerstands der KonsumentInnen gegen GVO-Pflanzen in Europa suche das US-Agrarbusiness zunehmend neue Märkte in Afrika, Asien und Lateinamerika – stets mit dem Vorwand, die Armut in diesen Ländern verringern zu wollen und den Hunger zu bekämpfen. «Haben sie erst einmal den globalen Markt für Saatgut und den dazugehörigen Markt für Agrochemikalien monopolisiert, werden dies die reichsten Konzerne der Welt sein.» Laut Sailendra Nath Ghosh sei das auch der Grund dafür, dass die Konzerne mit grosszügigen Spenden Forschungsinstitute und Universitäten zu beeinflussen suchen.

Ganz anderer Meinung ist Raju Barwala, Direktor von Mahyco: «Wir hoffen auf einen positiven Entscheid der Regierung, denn dies würde Millionen von Bauern helfen, die bisher unter den Schäden des Auberginenfruchtbohrers zu leiden hatten», sagt er. Die Bt-Aubergine werde es ermöglichen, einerseits «umweltfreundlich diesen Schädling zu bekämpfen und gleichzeitig den Feldertrag zu erhöhen».

Etwas anders sieht es Sandeep Patil, ein Bauer aus Kelve im Distrikt Thane des Bundesstaates Maharashtra, dessen Familie seit Generationen Auberginen und anderes Gemüse anbaut. «Bis vor etwa fünfzehn Jahren hatten wir kaum Probleme mit dem Auberginenfruchtbohrer. Die haben erst angefangen, als hier für den Export bestimmte Sorten eingeführt wurden.» Manche Bauern hätten immer häufiger mit Hybridsaatgut hantiert, grössere Mengen Kunstdünger und Pestizide eingesetzt und ihre Felder mehr bewässert. Die in diesen Feldern verwendeten Herbizide vernichteten auch alle Begleitpflanzen, das Gras und gar die Gemüsepflanzen selbst und zerstörten so den traditionellen Lebensraum der Insekten. Diese mussten auf die neuen Pflanzensorten ausweichen und haben sich vermehrt im Stiel und in der Frucht eingenistet, um den häufigen Pestizideinsatz zu überleben.

Arbeit vergebens

Die Erfahrungen der BäuerInnen mit GVO-Pflanzen ähneln sich. Inzwischen gibt es in Indien ausführliche Studien über die ökologischen und sozialen Konsequenzen der Einführung der GVO-Baumwolle 2002 (vgl. den Kasten unten: «Die vielen Selbstmorde»). Bei einer einheimischen Kulturpflanze wie der Aubergine werden die langfristigen Folgen noch schwerwiegender sein, da die Einführung der Bt-Variante und die damit verbundene Monopolisierung des Saatgutmarkts die natürliche Artenvielfalt bedrohen.

Dies befürchtet auch Krishna Prasad von der Organisation Sahaja Samrudha in Bangalore, zu der sich verschiedene BiobäuerInnen aus dem Bundesstaat Karnataka zusammengeschlossen haben. Die Organisation verfügt über eine Auberginen-Saatgutbank mit 52 Sorten, die seit Generationen konserviert und kultiviert werden. «Wenn nun aber die Regierung weiter unnötige GVO-Experimente erlaubt, wird unsere Arbeit vergebens sein», sagt Krishna Prasad. «Da die Aubergine fremdbestäubt wird, werden irgendwann alle natürlichen Sorten verseucht sein.» «Die Konzerne wollen Profite, und die Beamten und Wissenschaftler wollen ihre Kommissionen», sagt wütend Gajanand More, ein Bauer aus Wada, ebenfalls im Distrikt Thane, in dem vergangenen Herbst eine grosse Dürre herrschte. «Aber wo sind die Konzerne und Kommissionen, wenn wir unter Dürre oder Überflutungen leiden? Wenn unsere Erde nichts mehr hergibt, weil Kunstdünger und Pestizide sie ausgelaugt haben?» Auch spreche niemand über die vielen Selbstmorde der verschuldeten Bauern. Immer seien es die kleinen Leute, die unter den Folgen dieser Experimente zu leiden hätten, sagt Gajanand More. «Und wieso glauben die Konzerne darüber entscheiden zu dürfen, was wir essen sollen?»


Die vielen Selbstmorde

Seit 2002 in Indien mit dem Anbau von gentechnisch veränderter (GVO) Baumwolle begonnen wurde, hat die entsprechende Anbaufläche um beinahe achtzig Prozent zugenommen. Sie beträgt heute rund 7,6 Millionen Hektar, das entspricht fast zweimal der Fläche der Schweiz. Im gleichen Zeitraum hat sich die gesamte Produktionsmenge verdoppelt. BäuerInnen, WissenschaftlerInnen und die indische Regierung waren begeistert, mit der Gentechnik die Produktivität immer weiter steigern zu können.

Doch die Euphorie war schnell verflogen. Eine Studie des Landwirtschaftsministeriums des Bundesstaates Maharashtra zeigt, dass sich die Produktionskosten pro Hektar beinahe verdoppeln, wenn GVO-Baumwollsorten angebaut werden, in deren DNA ein Gen des Bakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) eingefügt wurde. Hinzu kommt, dass der Nettoertrag von Bt-Baumwolle nur der Hälfte dessen entspricht, was der Anbau organischer Baumwolle erwirtschaftet.

Doch nicht nur die ökonomische Bilanz ist verheerend: Seit in Indien Bt-Baumwolle angebaut wird, haben die Selbstmorde unter BäuerInnen stark zugenommen. Eine Studie des Tata-Instituts für Sozialwissenschaften im Auftrag des Obersten Gerichts von Bombay zeigt, dass siebzig Prozent der BäuerInnen, die sich das Leben nahmen, Bt-Baumwolle angebaut hatten.

Grund für die vielen Selbstmorde war die zunehmende Verschuldung der BäuerInnen wegen der steigenden Produktionskosten sowie aufgrund der immer stärkeren Abhängigkeit von aufwendigen Bewässerungssystemen, Kunstdünger und Pestiziden. Gleichzeitig nahm ihr Einkommen im Vergleich zu dem jener BäuerInnen, die traditionelle Baumwolle anbauten, stark ab. Die neuen Anbaumethoden wirkten sich zudem auch auf andere Pflanzen negativ aus. Menschen und Tiere erkrankten vermehrt an Geschwüren, Tuberkulose, Lungen- und Hautinfektionen – die durch die Rückstände von Pestiziden im Wasser, in der Milch und in der Luft ausgelöst wurden. «Die Menschen fürchten sich vor allem», sagt Sundar Lal vom Social Centre for Rural Initiative and Advancement (SCRIA), einer Nichtregierungsorganisation im Distrikt Rewari des Bundesstaates Haryana. «Sie haben Angst vor dem Wasser, der Luft, vor Milch, Gemüse und den Früchten.» Nicht ohne Grund: In Rewari verendeten Zehntausende Büffel, nachdem sie die Reste von Bt-Baumwollpflanzen gefressen hatten. Und in verschiedenen Distrikten der Bundesstaaten Andhra Pradesh und Maharashtra starben über 25 000 Schafe, nachdem sie auf Bt-Baumwollfeldern gegrast hatten. Weitere Tausende Schafe, Ziegen und Büffel konnten durch schnelles Eingreifen gerettet werden – doch in den meisten Fällen waren diese Tiere danach steril und geschwächt.

Die Bt-Baumwolle wurde eingeführt, um die Frucht vor der gefürchteten Kapselraupe zu schützen. Ein Bericht der Forschungsstiftung für Wissenschaft, Technologie und Ökologie zeigt jedoch, dass die Bt-Baumwolle des US-Agrarkonzerns Monsanto erstens dieses Ziel nicht erreicht hat und die GVO-Pflanzen zusätzlich vermehrt Angriffen von anderen Schädlingen wie Blattzikaden, Blattläusen, Mottenschildläusen und Fransenflüglern ausgesetzt sind. «Das Schlimmste kommt erst noch», sagt der 78-jährige Vasudev Patil aus der Region Vidarbha im Bundesstaat Maharashtra, wo hauptsächlich Baumwolle angebaut wird. Da die Erde bereits heute durch den exzessiven Gebrauch von Chemikalien ausgelaugt sei, werde die Ernte in Zukunft noch schlechter ausfallen. Hinzu komme, dass traditionelles Saatgut nicht mehr erhältlich sei und die BäuerInnen kaufen müssten, was auf dem Markt angeboten werde. «Die Bauern können immer weniger Tiere halten, und weil es auch weniger Pflanzenabfälle gibt, ist die Produktion von traditionellem Dünger wie Kompost und Mulch zurückgegangen», sagt Vasudev Patil. Wegen des gestiegenen Bedarfs an Bewässerung würden sie seither ganzjährig unter einer Dürre leiden. Um im Sommer überleben zu können, müssten viele in die Städte abwandern. «Vidarbha sollte zur nationalen Schande erklärt werden.»

Jeffrey Smith, Direktor des Institute for Responsible Technology und Autor des Buches «Trojanische Saaten» bestätigt diese Beobachtungen. «Es gibt überwältigende wissenschaftliche Beweise von Labors und aus Feldstudien, die unwiderlegbar zeigen, wie schädlich GVO-Pflanzen sind», schreibt Smith auf seiner Website. «Der Anbau von GVO-Baumwolle in Südafrika, von GVO-Süsskartoffeln in Uganda und GVO-Mais in Kenia hatte stets zur Folge, dass die Felder weniger Ertrag lieferten, dass sich Unkraut stark ausbreitete, dass wesentlich mehr Herbizide und Pestizide verwendet werden mussten, dass die Erde vergiftet wurde und bei Menschen und Tieren zuvor unbekannte Krankheiten ausgebrochen sind.»


Vom Bakterium zum Pestizid

Das Bodenbakterium Bacillus thuringiensis (Bt) produziert ein Insektengift, das im Biolandbau als natürliches Schädlings-bekämpfungsmittel zugelassen ist. Wenn Bt-Gene gentechnisch in Nutzpflanzen eingebaut werden, stellen diese Pflanzen das Gift selber her. Damit sind die Insekten dem Gift andauernd ausgesetzt, und es ist zu befürchten, dass sie Resistenzen bilden. Bt-Wirkstoffe schaden offenbar auch dem Boden: Laut einer Studie von Navdanya, der Forschungsstiftung der indischen Aktivistin Vandana Shiva, nimmt in Bt-Baumwollfeldern die Zahl der nützlichen Bodenbakterien stark ab.

Wenn Pollen von Gentechpflanzen auf Blüten eng verwandter, nicht gentechnisch veränderter Pflanzen geraten, breitet sich die Genmanipulation unkontrolliert aus. Das kann besonders im Ursprungsgebiet einer Nutzpflanze dramatische Folgen haben. Denn in solchen Gebieten ist die Sortenvielfalt meistens sehr gross, und es besteht die Gefahr, dass auch verwandte Wildpflanzen gentechnisch kontaminiert werden.