Britannien: Vergeblicher Widerstand
Der lange Abstieg von King Coal
12. Januar 1989 | Die konservative Regierung bereitet den Kohlebergbau auf die Privatisierung vor. Ihrer rigorosen «Sanierungspolitik» fallen Bergarbeiter und Zechen zum Opfer, selbst profitable Minen werden geschlossen.
Im Bergarbeiter-Club von Deal, Grafschaft Kent, geht es noch hoch her am Wochenende; im großen Saal wird getanzt, im Billard-Raum drängen sich die Spieler, in der Bar erzählen Rentner von früher, in der Lounge sitzen Familien zusammen. Der Club könne gerade so überleben, sagt die Frau am Tresen, unter der Woche stehe er fast leer. Was die Zukunft bringe? Sie weiß es nicht.
Niemand weiß es. Seit die noch staatliche Kohlebehörde NCB Ende August auch Betteshanger, die letzte Zeche von Kent geschlossen hat, stehen hier in der Bergarbeitersiedlung alle auf der Straße. Terry Harrison, NUM-Gewerkschaftsvorsitzender von Betteshanger und selber seit dem großen Streik 1984-85 arbeitslos, kann es immer noch nicht fassen. «Betteshanger hat in den letzten zwei Jahren Millionen Profite erwirtschaftet; das war eine rein politische Entscheidung», sagt er.
Seit die konservative Regierung die politische Entscheidung zur Privatisierung des Bergbaus traf, seit die Bergarbeiter ihren langen Kampf gegen die Stilllegungspolitik Thatchers verloren haben, ist die Industrie erheblich zusammengestutzt worden. Von den 172 Zechen (Stand: März 1985) sind 78 übrig geblieben, von damals 221.000 Bergarbeitern fördern jetzt noch 92.000 Kumpel Kohle, und die Mitgliederzahl der NUM ist unter 80.000 gefallen.
Doppelte so viele Tote
In den einst großen Revieren Südwales und Schottland ist der Bergbau praktisch verschwunden, es haben nur eine Handvoll Super-Zechen überlebt. Parallel dazu nahmen allein im letzten Jahr Produktivität (um fast 15 Prozent) und tödliche Arbeitsunfälle (um das Doppelte) zu. Grubenmanager lassen Sicherheitsvorkehrungen außer acht und drängen die Kumpel zum Akkord, die staatliche Kohleindustrie muß – so die Vorgabe des Energieministeriums – umgehend Gewinn erwirtschaften. Eine verlustträchtige Branche interessiert keinen Aktionär.
Dabei konnte die Kohlebehörde ihren Geschäftssgewinn 1988 auf fast 1,4 Milliarden D-Mark verdoppeln und die Kohleförderung fast auf das Vorstreikvolumen heben. Dass die Gesamtbilanz 1988 trotzdem ein Minus von 530 Millionen Mark auswies, ist auf die hohen Zinsen für den Schuldendienst (rund 12 Milliarden Mark) und die beachtlichen Kosten für die Zechenstillegungen (Abfindungen und vorzeitige Abschreibungen) zurückzuführen.
Da 1990 die Elektrizitätswerke privatisiert werden sollen, ist die NCB gezwungen, innerhalb kürzester Zeit Kohle zu konkurrenzfähigen Preisen auf den Markt zu werfen. Im Gegensatz etwa zur BRD wird in Großbritannien der schwarze Rohstoff nicht subventioniert; 80 Prozent der geförderten Menge werden in Kraftwerken verheizt, die schon jetzt fleißig Billigkohle aus Kolumbien, China, Australien und den USA verbrennen.
Um den künftigen Kohle- und Strom-Aktionären in der Londoner City schöne Gewinne zu verschaffen, nimmt die NCB drastisch steigende Unfallzahlen im Bergbau hin; außerdem soll im nächsten Jahr die Zahl der Miners um weitere 10 000 reduziert werden. Doch nicht nur die unprofitablen, auch die gewinnbringenden Zechen mit unbotmäßiger Belegschaft fallen dem rigiden Kurs der Regierung zum Opfer.
Gewerkschaftsführung im Bunker
«Betteshanger stand bis zur Stillegung auf dem 26. Platz der Profitliga des Bergbaus», sagte Terry Harrison Ende Oktober: «Die haben mit der Zeche eine Menge Geld gemacht.» Selbst die Financial Times konnte die Stillegung der letzten Grube in Kent nicht so recht begreifen: «Weshalb die Kohlebehörde eine der profitabelsten Zechen des Landes schließt, muß sie erst einmal erklären.» Aber die Erklärung kam nie. Weshalb die Stillegung? Terry Harrison: «Die Belegschaft hier ist die militanteste im ganzen Land.»
1984-85 stand die Streikfront in Deal; die Kumpel von Betteshanger blieben gar noch eine Woche länger draußen, und versuchten, die Wiedereinstellung der während des langen Streiks geschaßten Kollegen zu erreichen. Als jetzt die Nachricht von der Stilllegung eintraf (die NCB gab den Arbeitern gerade fünf Tage Zeit), stimmten die Bergarbeiter einstimmig gegen das Abfindungsangebot. Sie riskierten viel dabei – altgediente Miners sollten Abfindungen bis zu 80.000 Franken erhalten –, aber sie waren entschlossen.
«Soviel Widerstand gegen eine Betriebsschließung hat es in diesem Land noch nie gegeben», sagte Harrison, der seither auf Arthur Scargill nicht mehr gut zu sprechen ist. Die Kohlebehörde NCB hatte mit ihrem kurzfristigen Ultimatum (entweder die Kumpel akzeptieren den Verlust ihres Arbeitsplatzes gegen Entschädigung oder sie werden einfach gefeuert) gleich mehrere Paragraphen des Arbeitsvertrages verletzt. Eilig herbeigereiste NUM-Funktionäre versprachen den Bergleuten von Betteshanger entschiedenen Widerstand, zumindest aber eine einstweilige Verfügung gegen die NCB.
Doch die Gewerkschaftszentrale lieferte nicht. Die NUM-Spitze um Scargill und Peter Heathfield hat sich schon vor langem in einen Bunker begeben und dort eingesperrt. Seit in einigen Zechen die Arbeiter auf Druck der NCB (und gegen die Empfehlung der NUM) für die 6-Tage-Woche und damit Sonderschichten akzeptierten, ist aus Sheffield nichts mehr zu hören. «Die Kumpel hier waren bereit, sehr viel Geld zu riskieren, doch die Union hat sie im Stich gelassen», sagt ein durch viele Kämpfe gegangener Bergarbeiter im Miners' Club von Deal. Ohne Unterstützung der Gewerkschaft akzeptierten die Bergarbeiter von Betteshanger am Ende das Abfindungsangebot der NCB.
Wenige Tage danach gründeten die Arbeiter eine Kooperative mit dem Ziel, die Zeche in Selbstverwaltung zu übernehmen: Unter dem Boden von Kent liegen noch Millionenwerte. Doch die NCB lehnte Verhandlungen rundweg ab – der Kohlebehörde könnte eine von den Kumpeln erfolgreich betriebene Zeche politisch peinlich werden. Während an der Küste von Kent die Arbeitslosigkeit durch die Stilllegung von Betteshanger auf über 20 Prozent stieg, meldete sich Arthur Scargill wieder zu Wort. Er will sich jetzt um ein Unterhausmandat bewerben.
PS: Anderswo klappte das Experiment einer selbstverwalteten Zeche – in Südwales. Siehe dazu den Artikel über die Tower Colliery. (pw)