Ostermarsch 2026
Dank Blutsee auf dem vierten Platz
8. April 2026 | Bestes Wetter, viele Teilnehmer:innen, ein sangesfreudiges Publikum, zahllose Transparente und Fahnen, kompetente Redner:innen und ein Grenzübertritt – der Bodensee-Friedensweg Konstanz-Kreuzlingen hatte auch dieses Jahr eine Botschaft: Mit uns nicht.
Immer mehr autokratische Regimes, denen Regeln wie das Völkerrecht herzlich egal sind; so viele militärische Konflikte wie selten zuvor, auch wenn wir nur drei oder vier Kriege (Ukraine, rund um Israel, Iran, vielleicht noch Sudan) im Blick haben; die sich beschleunigende Klimakatastrophe; explodierende Rüstungshaushalte – es gibt derzeit viele Gründe, auf die Straße zu gehen. Und so trafen sich am Ostermontag rund 800 friedensbewegte Menschen von rund um den See im Konstanzer Stadtgarten.
Dort, bei der Konzertmuschel, gab’s nach dem Einsingen auch gleich den ersten Hinweis darauf, wie sich im Zuge der gesellschaftlichen Militarisierung manche Dinge ändern. Noch 2013 und 2019, bei den letzten Friedenswegen von Konstanz nach Kreuzlingen, habe es noch ein Grußwort der Stadt Konstanz gegeben, berichtete Helmut Luz von der Konstanzer Friedensinitiative. Diesmal jedoch habe der Oberbürgermeister schon vor dem Jahreswechsel abgesagt («keine Zeit») und die vielen nachfolgenden Telefonate und E-Mails führten zu keiner Vertretung, die für die Stadt hätte sprechen können. War es Schludrigkeit? Ist es Desinteresse? Oder kam eine Anweisung von oben?
Ein möglicher Grund, so Helmut Luz, sei «wahrscheinlich, dass die Städte Konstanz und Kreuzlingen sehr gut an den weltweiten Kriegen verdienen». Immerhin ist mit KMDS Deutschland Mission Electronics (vormals ATM Computersysteme) ein großes Rüstungsunternehmen im Konstanzer Industriegebiet tätig; und die Kreuzlinger MOWAG wurde von General Dynamics European Land Systems (GDELS) übernommen, einem internationalen Konzern, der in Immenstaad eine neue Fertigungshalle für gepanzerte Radfahrzeuge baut und sich derzeit über einen Großauftrag der Bundeswehr freut.
Riesenprofite fürs Morden
Damit war der Ton gesetzt – und grob skizziert, was auf die Jungen demnächst zukommen könnte. Beispielsweise das derzeit diskutierte Vorhaben, dass sich potenziell kriegstüchtige junge Männer künftig vor längeren Auslandsaufenthalten abmelden sollen – und zwar bei der Bundeswehr. Darauf wies in seiner Rede Joshua Dreier hin, Mitglied der Linksjugend ’solid. Er verwies auf die letzten Schulstreiks mit jeweils 50.000 Teilnehmer:innen, und fügte hinzu: «Wir sind viele, und wir zeigen unsere Wut».
Deutschland befinde sich zwar nicht aktiv im Krieg: «Wir schmeißen keine Bomben ab, wir schießen mit keinen Waffen. Aber es sind unsere Bomben und unsere Waffen, mit denen geschossen wird.» Und diese Waffen exportiere Deutschland in rund hundert Länder. «Solange Unternehmen durch Krieg Riesenprofite machen», so Dreier, «wird es Krieg geben». Deshalb dürfe sich Krieg nicht lohnen. «Wir müssen nicht nur eine Haltung gegen Krieg zeigen, wir müssen auch Haltung zeigen gegen den Kapitalismus und die Unternehmen, die ihren Profit höher stellen als das Leben von Tausenden von Menschen. Und deshalb kämpfen wir hier, heute und an anderen Tagen für Frieden.»
Der nächste bundesweite Schulstreik gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist für Freitag, den 8. Mai, angekündigt.
Viele Staaten überholt
Dass mit Rüstung Geld zu machen ist, erwähnte auch Jürgen Grässlin, einer der Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner:innen. Er habe jeweils eine Aktie von Airbus, eine von Heckler & Koch, eine von der Deutschen Bank und so weiter (um jeweils bei den Aktionsversammlungen auftreten zu können), berichtete der langjährige Friedensaktivist, «und der Wert meiner Aktie von Rheinmetall hat sich in den vier Jahren Ukraine-Krieg verzwanzigfacht». Das, sagte Grässlin, sei Kapitalismus pur: «Man verdient am Morden auf den Schlachtfeldern dieser Welt, indem man von Rüstungskonzernen Aktien kauft, und dann sagt man hinterher noch: Toll, ich bin reich …»
Laut dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) seien allein im letzten Jahr 2,7 Billionen US-Dollar für das Militär ausgegeben gegeben worden – immer mehr auch von Deutschland, das seinen Rüstungsetat um 28 Prozent auf 88,5 Milliarden Euro erhöhte. Bisher «waren wir auf Platz sieben der Weltrüstungsnationen, jetzt stehen wir auf Platz vier: Wir haben in einem Jahr Großbritannien, Saudi-Arabien und Indien überholt, jetzt liegen nur noch die Supermächte vor uns.»
Platz vier bei den Ausgaben, Platz vier aber auch beim Rüstungsexport, rechnete Grässlin vor: «Wir haben im letzten Jahr die Supermacht China überrundet, vor uns liegen nur noch die USA, Frankreich und Russland.» In einem Jahr seien Deutschlands Waffenexporte um 15 Prozent gestiegen. «Dieser Einsatz deutscher Waffen in Ländern wie der Türkei, wie Katar, wie Saudi-Arabien, wie Israel und anderen Ländern ist mörderisch und Beihilfe zum Mord.» Verantwortlich dafür sei die Bundesregierung, mithin die Parteien CDU, CSU und SPD – «wenn Willy Brandt das wüßte …».
«Der Tod ist ein Meister vom Bodensee»
Und noch einen vierten Platz vermeldete Grässlin in seiner Rede im Stadtgarten: Wäre das Militär weltweit ein Land, würde es als global viertgrößter Klimaschädling gelten. Und mit dabei, so Grässlin, sind auch Unternehmen rund um den See: Neben den oben erwähnten Unternehmen KMDS in Konstanz und GDELS in Kreuzlingen arbeitet Airbus mit anderen Firmen in Immenstaad an der Entwicklung von hundert Kommunikationssatelliten, die militärischen Zwecken dienen. Diehl Defense (in Überlingen) hat mit Militärprodukten den Umsatz zuletzt um 21 Prozent gesteigert. Rolls Royce Power Systems in Friedrichshafen erhielt von der Bundeswehr neue Aufträge, darunter den Bau von 350 Radpanzern; und mtu Friedrichshafen produziert Panzermotoren, die über die USA nach Israel geliefert werden.
«Das, was rund um den Bodensee geschieht, sind alles Vorbereitungen für weitere Kriege», erläuterte Grässlin und verwies auf die 71.000 Toten des Gaza-Konflikts. «Nicht alle, aber viele von ihnen sind Opfer der Rüstungsexportpolitik – auch von mtu». Ohne deren Motoren wären die Panzer nicht gerollt. «Das hier ist nicht ein friedlicher See, das ist ein Blutsee.» Vom MOWAG, inzwischen General Dynamics, seien übrigens auch Fahrzeuge «bereits im Afghanistan-Krieg im Einsatz» gewesen, «der in Teilen völkerrechtswidrig war und der eine katastrophale Hinterlassenschaft hat».
Die Konsequenz? «Rechtsbrecher wie Donald Trump in den USA, Benjamin Netanyahu in Israel, Wladimir Putin in Russland, Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei und Xi Jinping in China gehören alle vor den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gestellt und verurteilt», sagte Grässlin. Wenn es nach ihm ginge, müsste aber auch die Bundesregierung in Den Haag verurteilt werden – «wegen Rechtsbruch durch Waffenexportlieferungen an Israel und [da sie weiterhin die Nutzung der US-Airbase Ramstein erlaubt] der militärischen Unterstützung des Angriffs auf den Iran».
Zum Schluss appellierte Grässlin an die Gewerkschaften («was wir brauchen ist Rüstungskonversion, was wir brauchen ist Transformation, was wir brauchen ist zivile, sinnvolle Fertigung») und bekräftigte die Position seines Vorredners Joshua Dreier: «Wir wehren uns gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht, am Anfang freiwillig, doch der Zwang wird kommen. Wir sollten uns auch gegen die militärische Nutzung von KI, die Drohnen und die geplanten Kriegsführung im Weltall widersetzen.» Und damit auch gegen eine der großen Fluchtursachen, von denen die EU und Deutschland mit ihrer Abschottungspolitik wenig wissen wollen: «Das Mittelmeer», konstatierte Grösslin, «ist der größte maritime Sarg der Erde».
Hilfe für Geflüchtete
Ein deprimierendes Fazit der hiesigen Politik. Also besser anderswohin ziehen – und zwischendurch ein Zeichen setzen: Beim letzten Bodensee-Friedensweg über Landesgrenzen hinweg war es der Konstanzer Friedensinitiative gelungen, dass sich die Demonstrierenden zum Friedenssymbol der britischen Campaign for Nuclear Disarmament formierten, die 1958 den ersten Ostermarsch initiierte. Diesmal sollte am Südteil des Konstanzer Hafens eine Friedenstaube entstehen – ein etwas komplizierteres Bild, auch weil mehr Menschen mitgekommen waren, als von den Organisator:innen anfangs erwartet wurde. Doch es klappte (siehe Titelbild).
An der dritten Station des Friedenswegs, am Kreuzlinger Hafen, zeigte sich, was die Schweiz von Deutschland unterscheidet: Im Unterschied zur Stadt Konstanz, die den Friedensmarsch zu ignorieren versuchte, entsandte der Thurgau seinen höchsten Repräsentanten: den Präsidenten des kantonalen Grossrats (also des Kantonsparlaments) und Stadtpräsidenten von Arbon, René Walther. Sein Plädoyer entsprach den helvetischen Grundüberzeugungen von Ausgleich, «Schonung der Andersdenkenden und Ausgewogenheit der Gewalten».
Frieden, sagte er, «entsteht dort, wo Gesellschaften bereit sind, Verantwortung für ihr Handeln, für ihre Werte und für die Art zu übernehmen, wie sie Konflikten begegnen». Und gleichzeitig dürfe man die Geflüchteten nicht vergessen: Man erlebe immer wieder Menschen, «die Konflikte und Gewalt, Vertreibung und Angst, Korruption und Repressionen hautnah selbst erlebt haben», sagte der FDP-Politiker, «und wenn ich diesen zuhöre, überkommt mich Wut und Ohnmacht zugleich».
Zwei Initiativen für Geflüchtete kamen dann auch ein Teil der Spenden zugute, die am Ausgangs- und am Endpunkt des Marsches gesammelt wurden: Café Mondial in Konstanz und Agathu in Kreuzlingen.
Militarismus und PatriarchatDen Schlusspunkt setzte dann Helena Nyberg, UNO-Menschenrechtsbeobachterin und seit 1983 Mitglied des Vorstands der Schweizer Sektion der Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF), der ältesten internationalen Frauenfriedensorganisation. «In Zeiten von Aufrüstung, Waffengeheul und Militarismus sind Pazifismus und feministische Friedenspolitik unpopulär», konstatierte sie zu Beginn ihrer Ausführungen. «Das Recht des Stärkeren ersetzt das Völkerrecht. Ein Staatsoberhaupt wird von einem anderen Staat entführt. Kuba mit einer Totalblockade im Lebensnerv getroffen» – und überall leide die Zivilbevölkerung.
«Die Organisationen, die ich vertrete», fuhr sie fort, «bezeugen Solidarität mit der Zivilbevölkerung der Golfstaaten und von Jemen, mit den hungernden Kindern in Somalia und Südsudan, mit den geschundenen Frauen der Demokratischen Republik Kongo und Afghanistan und verurteilen den Völkermord in der Ukraine, Libanon, Gaza, Westjordanland und Iran.» Danach erinnerte sie an das Schicksal der indigenen Völker, die schon vor langem Opfer des Atomzeitalters wurden, weil auf ihrem Land ein Großteil des Urans für Atombomben abgebaut wurde, das sie zu transportieren hatten – eine Tatsache, die leider allzu oft vergessen werde.
Und überhaupt: Frauen und queere Menschen seien genauso wie Männer vom «zunehmenden Militarismus betroffen, der auf einem tiefsitzenden Patriarchat gründet, angetrieben von einer neoliberalen Denkweise in einem marktwirtschaftlichen System, das sich immer schneller dreht und immer mehr Opfer aus dem Hamsterrad der Profitmaximierung wirft». Dieser Militarismus komme aus «gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen, die Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung von Macht und Kontrolle im Kontext männlicher Rollenbilder rechtfertigen». So entstehe «im Innern einer Gesellschaft eine toxische Männlichkeit mit Mobbing, sexueller Belästigung, Gewalt gegen Frauen». Nach außen hin aber gelte Militarisierung der Gesellschaft als cool.
Und so komme es darauf an, die Ursachen von männerdominiertem Krieg und patriarchaler Gewalt in Zusammenhang zu setzen und sich der Militarisierung der Gesellschaft zu widersetzen. Waffen, sagte Helena Nyberg in ihrer langen und vielschichtigen Rede, «erhöhen die Wahrscheinlichkeit geschlechtsspezifischer Gewalt und begünstigen zudem Straflosigkeit» – und verwies auf das Buch des ehemaligen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel «Empört euch!», das weiterhin hochaktuell sei. Wir sollten es mal wieder lesen.
Kommende Termine für alle, die sich engagieren wollen:
● Jeden Donnerstag gibt es in Konstanz KDV-Beratung für Kriegsdienstverweigerer: 18–19:30 Uhr in der Dammgasse 8, Büro des seemoz e.v.
● 8. Mai: der nächste Schulstreik gegen Wehrpflicht
● 30. Mai: Demonstrationen gegen die Stationierung von Mittelstrecken in Wiesbaden und Grafenwöhr (pw)